Vielstimmiges Flirren – María Cecila Barbetta: Nachtleuchten

María Cecilia Barbettas zweiter Roman „Nachtleuchten“, an dem die Autorin viele Jahre gearbeitet hat, ist vor kurzem im S. Fischer Verlag erschienen, der zu dieser Gelegenheit Ende August zu einem Abend mit argentinischem Wein und Empanadas einlud. Während das Publikum unter der Hitze ächzte, wurden Gespräche geführt und die sympathische Autorin las aus ihrem Roman, der es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat.

Mein Eindruck beim Zuhören der kurzen Passagen war, dass ich „Nachtleuchten“ selbst lesen muss (statt mir daraus vorlesen zu lassen), will ich die Komplexität des Romans vollends erfassen, denn komplex ist die Geschichte um die Menschen in Ballester, einem Stadtviertel ungefähr eine Autostunde von Buones Aires entfernt. Dafür sorgt allein schon das ausufernde Figurenpersonal, das ich bei der Lektüre kennenlernte, wobei die Autorin es mir auch deshalb nicht ganz leicht machte, weil sie ihre Protagonisten in schnellem Tempo kurz nacheinander einführt, so dass wenig Zeit bleibt, sich mit ihnen vertraut zu machen.

In allen drei großen Teile des Romans präsent ist die junge Teresa, zwölf Jahre alt, Schülerin einer Nonnenschule, auf der sich die Handlung im ersten Teil zumeist abspielt. Sie ist intelligent und ziemlich naseweis und entschlossen, später einmal Nonne zu werden. Im zweiten Teil, der in einer Autowerkstatt mit dem schönen Namen „Autopia“ spielt, taucht sie zuweilen ebenfalls auf, im Mittelpunkt stehen hier aber die Lebens- und Alltagsgeschichten der dort arbeitenden Männer. Männer, deren Vorfahren teils von weit herkommen, denn Argentinien ist ein Einwanderungsland, woran der Roman von Zeit zu Zeit erinnert. Der dritte Teil schließlich führt uns in einen Handlungsstrang, in dem Spiritistik zum Thema wird bzw. zurück zu Teresa und nun auch ihren Cousins, die sich als Detektive versuchen.

„Nachtleuchten“ ist nicht einfach zu fassen. Eine stringente Handlung, einen geradlinigen Plot gibt es nicht, vielmehr ist der Roman wie ein vielstimmiges Flirren, in dem die Stimmen sich überlappen und durcheinander gehen. Er ist eine große Geschichte prall gefüllt mit vielen kleinen Geschichten, die manchmal scheinbar wirr erzählt werden, was aber nicht zutrifft, denn Barbetta weiß genau, was sie tut. Wenn man sich auf diese Erzählweise einlässt, kann man „Nachtleuchten“ mit Gewinn und auch mit Spaß lesen, denn vor allem sprachlich ist der Roman abwechslungs- und erfindungsreich, er strotzt vor einer schier unbändigen Lust am Fabulieren, etwa vom Zusammenfügen bzw. Nebeneinanderstellen bedeutsamer Dinge auf der einen Seite und Alltäglichem auf der anderen. María Cecilia Barbetta hat die Sprache stets im Griff und verfügt über sie mit großer Souveränität, die ich auch deshalb unbedingt erwähne, da die Autorin nicht in ihrer Muttersprache schreibt.

„Nachtleuchten“ fängt Stimmungen ein, und es sind die kleinen Stimmungen, die kleinen Geschichten der kleinen Leute, der Lehrer, Nonnen, Automechaniker, Friseure und Zeitungsverkäufer, die Barbetta gekonnt einfängt, um eine große Stimmung, eine Atmosphäre zu schaffen, die direkt hineinführt in das Argentinien der Jahre 1974/75, kurz vor der Militärdiktatur, die kurze Zeit später beginnen sollte und unter der das Land sehr litt und die bis heute ihre Schatten wirft. Hier wird aber nichts erklärt, sondern einfach nur erzählt und gezeigt. „Nachtleuchten“ entwirft ein Bild, das sich nach und nach zusammensetzt, so dass man als Leser dieser spezifischen Zeit langsam näher kommt und ein Gefühl für sie entwickelt.

Am Ende empfand ich „Nachtleuchten“ leider als etwas zu überfrachtet, als habe die Autorin gerade im letzten Teil, der noch einmal ganz neue Themen zur Sprache bringt, zu viel gewollt. Dem Roman hätte es hier womöglich besser getan, einen eindeutigeren Bezug zum ersten Teil zu finden, sich auf das zu konzentrieren, was bis hierhin thematisiert wurde.

Dennoch, „Nachtleuchten“ ist ein flirrender, vielstimmiger Roman, der strotzt vor Leben. Eine Geschichte, den ich mir ein Stück weit erarbeiten musste, wofür ich aber letztlich belohnt wurde. Dennoch sehe ich den Roman eher nicht auf der Buchpreis-Shortlist, aber da ich schon bei der Longlist sehr weit daneben lag, will das nichts heißen. Am nächsten Dienstag wissen wir mehr.

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten, Fischer Verlag, 2018, 528 Seiten

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6 Antworten zu Vielstimmiges Flirren – María Cecila Barbetta: Nachtleuchten

  1. Bri schreibt:

    Hmm, und nu ;) Eigentlich hat mich das Thema selbst nicht so wahnsinnig gereizt, aber das Cover ;))) und nun deine Rezension – die aber ja auch leichte Kritik anbringt. Mal sehen, ob ich es vllt. doch noch lese. LG

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