Im Schatten des Vaters – Tom Rachmann: Die Gesichter

Nachdem ich vor kurzem erst Siri Hustvedts Kunstroman „Die gleißende Welt“ beendet habe, befasst sich Tom Rachmans neuer Roman „Die Gesichter“ (dessen Lektüre bereits einige Wochen zurückliegt) erneut mit der Kunstwelt, setzt aber komplett andere Schwerpunkte. „Die Gesichter“ erzählt das Leben von Charlie, genannt „Pinch“, Sohn eines bedeutenden Künstlers mit Namen „Bear“. Pinch wird sein Leben lang versuchen, sich aus dem Schatten des übermächtigen Vaters zu befreien.

Tom Rachman ist für mich einer der Autoren, deren neue Bücher ich unbesehen lesen möchte, da mich die beiden früheren Romane „Die Unperfekten“ und „Aufstieg und Fall großer Mächte“ seinerzeit gefesselt und begeistert haben. In letzterem widmete Rachman sich einer Frau und ihrer Suche nach ihrem Platz im Leben, nach der Bedeutung ihrer Vergangenheit. Hier steht nun also Pinch im Mittelpunkt, und dabei vor allem die schwierige Beziehung zu seinem Vater.

Bear ist ein Alphatier, einer, der es gewohnt ist, dass sich alles in seiner Umgebung nur um ihn dreht, und dass sein Umfeld alles tut, um ihn kreativ sein zu lassen, auch wenn das bedeutet, dass sie zurückstecken müssen, so dass Pinch und seine Mutter Natalie wenig vom Vater und Ehemann haben. Pinch wächst in Italien auf, wo seine Mutter seine engste und wichtigste Bezugsperson ist, vor allem, nachdem die Beziehung von Bear und Natalie scheitert, Bear zurück in die Vereinigten Staaten geht und beide auf sich gestellt sind. Auch Natalie versteht sich als Künstlerin und widmet sich dem Töpfern, wobei ihr Anerkennung künstlerisch wie finanziell versagt bleibt. Bear zieht dagegen immer unbeirrt weiter, heiratet erneut und lässt sich scheiden, zeugt im Laufe seines Lebens siebzehn Kinder und denkt dabei hauptsächlich an sich selbst.

Pinch träumt als Jugendlicher davon, selbst Künstler zu werden und investiert viel Zeit in erste künstlerische Versuche, die er bei einem Besuch in New York Bear zeigen möchte. Dieser wischt mit einer einzigen Bemerkung alle Hoffnungen Pinchs auf eine künstlerische beiseite.

Es ist manchmal fast schmerzlich, zu lesen, wie sehr Pinch versucht, seinen Platz zu finden, wie unbedingt er bedeutend sein will, andere dabei auch verachtet, erst spät bemerkt, dass er sich von denen, auf die er herabblickt, eigentlich nicht unterscheidet. Wie unerreichbar dieser übermächtige Vater ist, dessen Zuneigung und Anerkennung sich Pinch so sehr wünscht, gegen den er meist vergeblich versucht, sich zu behaupten. Bear ist sprunghaft, aber auch charismatisch: Wenn er Pinch seine Aufmerksamkeit schenkt, fühlt sich das großartig an, und Bear scheint einer dieser Menschen zu sein, die durchaus meinen, was sie sagen, wenn sie es sagen, es aber genauso schnell wieder vergessen.

„Die Gesichter“ folgt Pinch fast durch sein gesamtes Leben hindurch und zeigt so deutlich, wie sehr uns die Kindheit, unsere Eltern prägen, auch dann noch, wenn wir längst erwachsen sind. Manchmal ist das nicht leicht zu ertragen, da man dem Helden, der eher ein Antiheld ist, so sehr wünscht, dass er sein Glück finden möge, dass er sich vom über allem schwebenden Vater lösen möge. Auch die Beziehung zur Mutter ist für Pinch keine einfache, auch bei ihr hat die Zeit mit Bear Narben hinterlassen. Der Roman hinterlässt so teilweise ein Gefühl der Ernüchterung beim Leser, da Rachmans Sichtweise auf seine Hauptfigur doch oft von einem vielleicht etwas harten Realismus ist. Pinch sucht permanent den für ihn richtigen Weg, im Beruf, im Privaten, in der Liebe, und niemals ist dieser Weg für ihn ein leicht.

Doch auch die Kunstwelt ist Thema in „Die Gesichter“, ihre Regeln und ihre Unbarmherzigkeit, wenn man als Künstler einfach nicht mehr gefragt ist, wenn das Renommee eines aus der Vergangenheit ist. Wenn andere einem längst den Rang abgelaufen haben, wie es bei Bear irgendwann der Fall ist, dessen ganzes Leben doch die Kunst ist, die über allem anderem steht.

Wieder einmal hat sich ein deutscher Verlag dazu entschieden, den Originaltitel des Romans nicht wörtlich zu übersetzen und so heißt Rachmans neuester Roman auf deutsch nicht „Der Italienischlehrer“, sondern „Die Gesichter“, warum, kann ich nur mutmaßen. Womöglich befand man die wörtliche Übersetzung als zu schwerfällig, klingt das englische „The Italian Teacher“ doch runder als das deutsche Pendant. Gleichzeitig aber setzt die Wahl des deutschen Titels einen ganz anderen Schwerpunkt als das Original. Beide Varianten passen zweifelsohne zum Roman, konzentrieren sich aber auf unterschiedliche Aspekte. Was das genau heißt, wäre hier aber zu viel verraten.

Wie angedeutet, hinterlässt „Die Gesichter“ nach der Lektüre kein Wohlgefühl, eher hat der Roman schon fast etwas Deprimierendes. Dennoch ist Rachman erneut ein kluger Roman gelungen, der den Finger immer wieder in die Wunde legt und sich nicht scheut, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Ein Roman, der bei allem Zweifel seine Hauptfigur immer ernst nimmt und versteht, der zeigt, dass dieser Pinch eben einfach menschlich ist. Ein gelungener Roman jenseits von Wohlfühlliteratur, dennoch aber absolut lesenswert, darüber, wie schwierig das Verhältnis von Vätern und Söhnen sein kann.

Tom Rachman: Die Gesichter, dtv Verlag, 2018, 416 Seiten

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2 Antworten zu Im Schatten des Vaters – Tom Rachmann: Die Gesichter

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Der Roman liegt schon bereit. Nun freue ich mich noch mehr darauf dank deiner wunderbaren Besprechung. Viele Grüße

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