Verstehen, was geschah – Michael Ondaatje: Kriegslicht

Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, als Nathaniel und seine Schwester Rachel, beide gerade im Teenageralter, von den Eltern in London zurückgelassen werden, angeblich, da diese beruflich in Asien zu tun haben. Ein Mann, den sie bald nur noch den „Falter“ nennen, passt auf sie im Elternhaus auf, während sie ihren alltäglichen Gewohnheiten nachgehen. Nach einiger Zeit wird das Haus von den Freunden des Falters bevölkert, von teils exzentrischen Gestalten, die die beiden Jugendlichen faszinieren. Mit einem von ihnen, dem „Boxer“ verbringt Nathaniel viel Zeit, begleitet ihn auf nächtlichen Touren und zu Hunderennen, mit denen er illegal Glückspiel betreibt. Doch diese manchmal unbeschwert wirkende Zeit ist irgendwann ganz plötzlich vorbei. Nathaniel begreift, dass all die Menschen, die um ihn und seine Schwester herum waren, sie beschützen sollten. Und dass ihre Eltern nicht die Wahrheit sagten, als sie sich so plötzlich von ihnen verabschiedeten.

Später, als diese intensive Zeit längst vergangen ist, all die Menschen aus Nathaniels Leben verschwunden sind, seine Schwester nicht mehr zu seinem alltäglichem Leben gehört, macht er sich auf die Suche nach den Spuren, die zu seiner Mutter führen, nach all dem, was sie ihm nie gesagt hat. Es ist eine beschwerliche, manchmal frustrierende Suche, auf der Nathaniel auf viel Schweigen stößt. Doch nach und nach fügen sich Andeutungen und Ahnungen zusammen, und er zieht seine eigenen Schlüsse.

„Fünfundzwanzig Jahre nach dem Englischen Patienten hat Michael Ondaatje ein neues Meisterwerk geschrieben“, so kündigt der Verlag den neuen Roman „Kriegslicht“ des kanadischen Autors an. Es ist meine erste Begegnung mit seinem Werk, und es werden ganz sicher weitere folgen.

Dabei hat es ein wenig gedauert, bis ich in die Geschichte hineingefunden hatte. Womöglich war es Ondaatjes Art zu schreiben, indem er dem Leser immer nur einzelne Brocken hinwirft, sich ein Szenario herauspickt und bei diesem bleibt, das große Ganze dabei erst einmal außen vor lässt, so dass man erst einmal gar nicht bemerkt, wie sich das Bild zusammensetzt und plötzlich genauso vor einem erscheint, wie man es sich es eigentlich von Anfang an gewünscht hatte. So empfand ich das, was mich anfangs kurz irritierte, später als ganz wunderbar.

„Kriegslicht“ lebt von seiner Atmosphäre, von den Stimmungen, die Ondaatje erzeugt. Als Leser hat man stets den Wissensstand des jungen Nathaniel, der zwar aus zeitlicher Entfernung als Erwachsener schreibt, dennoch aber mit Informationen geizt. So ahnt man natürlich, was es mit der Abwesenheit der Mutter auf sich hat, dennoch fühlt man die Unsicherheit Nathaniels, der stets versucht, sich auf all das, was um ihn geschieht, einen Reim zu machen. Er ist abhängig von diesen Menschen, erst später wird er zu jemandem, der überhaupt in der Lage ist, die Zügel in die Hand zu nehmen und aktiv Fragen zu stellen.

Ondaatjes Stil, seine einfache Sprache, die bewusst gesetzten Leerstellen, all dies ist gekonnt konzipiert, kommt lange eher spröde daher, trifft irgendwann mit Wucht und entwickelt gerade in der zweiten Hälfte des Romans einen sehr starken Sog. Es ist die Geschichte einer Emanzipation, eines Erwachsenwerdens, vor allem aber auch eine berührende Mutter-Sohn-Geschichte, die alles andere als alltäglich ist.

Ob „Kriegslicht“ nun ein Meisterwerk ist? Vielleicht. Es ist ein sehr, sehr guter Roman, auf Niveau unterhaltend, berührend, lehrreich und zum Nachdenken anregend. Und nachdem Ondaatje gerade für seinen „Englischen Patienten“ den Golden Man Booker Prize zugesprochen bekam, landete Warlight auf der Liste der Nominierten für den Booker Prize 2018.

Michael Ondaatje: Kriegslicht, Hanser Verlag, 2018, 320 Seiten

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5 Antworten zu Verstehen, was geschah – Michael Ondaatje: Kriegslicht

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  2. Stefan Heidsiek schreibt:

    Eine sehr schöne Besprechung. Ondaatjes neues Buch hatte ich gar nicht mehr auf dem Zettel. Da mir „Katzentisch“ und „Der englische Patient“ immer noch in guter Erinnerung sind, wandert wohl „Kriegslicht“ alsbald auch in mein Regal. – Schönen Sonntag und LG aus der Crimealley

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    • letteratura schreibt:

      Vielen Dank! Ich wollte schon lange endlich mal etwas von ihm lesen, meine einzige Begegnung mit ihm ist der Film „Der englische Patient“, aber das ist auch schon sehr lange her. Ich möchte auf jeden Fall mehr von ihm lesen, ein interessanter Autor. Auch Dir einen schönen Sonntag und viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

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