Ein Jahrhundert – Inger-Maria Mahlke: Archipel

Ein „Archipel“, so ist es bei Wikipedia zu lesen, „ist eine Region, die aus einer Inselgruppe und den Gewässern zwischen diesen Inseln besteht“. Inger-Maria Mahlke lässt ihren neuen Roman in so einem Archipel spielen. Die Familie, die im Mittelpunkt steht, lebt auf Teneriffa, und so, wie die einzelnen Familienmitglieder miteinander in Verbindung stehen, so gehören auch die umliegenden Inseln zueinander, während sie auf der anderen Seite genauso für sich stehen.

Der Roman beginnt im Jahr 2015 in La Laguna mit Ana, ihrem Mann Felipe und der Tochter Rosa, die eigentlich auf dem Festland „was mit Kunst“ macht, nun aber zurückgekehrt ist, ohne darüber zu sprechen, was der Grund für diese Rückkehr ist. Ana ist Lokalpolitikerin und gerade viel zu sehr eingespannt, um sich für die Tochter zu interessieren, und zwischen ihr und ihrem Ehemann hat sich eine Distanz aufgebaut, die schwer zu durchdringen ist. Anas Vater, der betagte Julio, sitzt an der Pforte einer Seniorenresidenz und schaut die Tour de France. Seine Aufgabe ist, aufzupassen, dass niemand der (anderen) Alten einfach so das Haus verlässt.

Es ist dieser Julio, der so was wie eine Leitfigur ist, die sich durch Mahlkes Roman zieht. Wir lesen über sein komplettes Leben, das im Jahr 1919 beginnt, wobei die Herangehensweise in „Archipel“ den Roman zu etwas Besonderem macht: Kaum hat man sich als Leser „eingerichtet“ im Jahr 2015, kaum ist man so weit in der Geschichte versunken, dass man unbedingt wissen möchte, wie sich all die Probleme Anas, Felipes, Rosas und Julios lösen werden, da geht die Autorin einfach einen Schritt rückwärts ins Jahr 2007. Und dann ins Jahr 2000. Und so weiter. Die Autorin scheint den Leser zunächst ganz bewusst in der Gegenwart zu verankern, nur um ihn dann herauszulösen und auf einen Zeitreise zu schicken.

Was im ersten Monat also aus einem „Lesekomfort“ herauszieht, fast ein bisschen Widerwillen bei mir auslöste, entpuppt sich schnell als interessante Art und Weise, die Geschichte dieser Familie über vier Generationen zu erzählen. „Archipel“ beschreibt in umgekehrter Reihenfolge, zeigt erst das, was und wer jetzt ist, um dann zurückzugehen und zu zeigen, wo die jeweilige Figur herkommt, immer auf der Suche nach den Wurzeln, nach etwas, das einen zu dem gemacht hat, was man ist.

Mahlke geht geschickt vor: In jedem Kapitel führt sie behutsam und wie nebenbei die vorige Generation ein, bleibt klar bei ihrem Fokus, behält aber immer das große Ganze im Auge, so dass man als Leser nie den Faden verliert (und sollte man sich doch einmal fragen, wer denn nun eigentlich wie mit wem verwandt ist, gibt ein Blick in das Personenverzeichnis am Ende des Romans schnell Auskunft). Ganz nebenbei spielt ein Jahrhundert spanische Geschichte hinein, die heutige Demokratie, die Herrschaft Francos, Bürgerkrieg und Militärdiktatur.

„Archipel“ zeigt, wie sich alles wiederholt. Es hat einen ganz eigenen Charme, Julio etwa als über 90-jährigen Greis kennenzulernen, um am Ende zu sehen, wie er als kleiner Junge war. Unsere Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, sie hatten in ihrem Leben ebenso mit Schwierigkeiten zu kämpfen wie wir. Sie hatten die gleichen oder andere Ideale, sie machten die gleichen oder ähnliche Erkenntnisse. In der Hinsicht ist „Archipel“ ganz einfach ein Abbild des Laufs des Lebens.

Mahlke beschreibt in meist schlichter Sprache sehr treffend und fesselnd von diesen Menschen im Süden Europas, in das man sich in diesen Tagen – als ich den Roman las, hatten wir auch hierzulande tropische Temperaturen – umso besser hineinfühlen kann. Oft deutet sie nur an, lässt nebenbei Wichtiges fallen, trifft dabei oftmals ins Mark, zieht den Leser schnell in ihre Geschichte und damit immer wieder in ein neues Setting und das alles mit großer Souveränität. Ihr durchaus mutiges Unterfangen ist aufgegangen und geglückt. Mahlkes „Archipel“ ist ein kluger, lesenswerter Familienroman, der völlig zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreis steht.

Inger-Maria Mahlke, Archipel, Rowohlt Verlag, 2018, 432 Seiten

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9 Antworten zu Ein Jahrhundert – Inger-Maria Mahlke: Archipel

  1. marinabuettner schreibt:

    Danke für die Besprechung! Sie war nun der letzte Impuls, dass ich den Roman lesen möchte … Bin gespannt. Viele Grüße!

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  2. Wortfieber schreibt:

    Ich war mir nicht so ganz sicher ob ich es lesen möchte, aber du hast mich dann doch schon überzeugt. Hört sich nach einer Geschichte an die mir auch gefallen könnte.

    Liebe Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Man muss sich schon ein Stück weit darauf einlassen… aber ich finde, es lohnt sich. Mal schauen, ob der Roman es auch auf die Shortlist schafft.

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  3. literaturreich schreibt:

    Mir wäre der Roman fast entgangen. Ohne Nominierung wäre ich jetzt aber spätestens bei deiner Rezension drüber gestolpert.

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