Die Verwirrte – Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses

Peri sitzt seit jeher zwischen den Stühlen, wenn es um Glaubensfragen geht: Ihre Mutter ist streng gläubig, ihr Vater kann der Religion nichts abgewinnen. So war schon Peris Kindheit vom nie enden wollenden Streit zwischen den Eltern geprägt, und dies setzte sich in gewisser Weise fort, als sie ihren Traum verwirklichte, ihre Heimatstadt Istanbul verließ und nach Oxford ging, um dort zu studieren. Dort lernte sie die extrovertierte Shirin kennen, mit der sie schnell Freundschaft schloss, obwohl sie so anders war als sie selbst. Und sie machte Bekanntschaft mit der streng gläubigen Mona. Beide beharrten auf ihrem Standpunkt, Peri befand sich immer irgendwo dazwischen.

Inzwischen ist Peri längst zurück in Istanbul, verheiratet und Mutter zweier Kinder, die schon im Teenageralter sind. Sie lebt ein geordnetes Leben und verkehrt in guten Kreisen, als sie eines Tages überfallen wird und durch einen Zufall ein Stein ins Rollen kommt. Plötzlich sind die Ereignisse zu ihren Zeiten in Oxford wieder sehr nah. Peri verließ die Universität damals sehr abrupt und hat noch eine Schuld offen, die sie nun einholt.

Elif Shafak erzählt in ihrem Roman „Der Geruch des Paradieses“ abwechselnd von den Ereignissen im Jahr 2016 und von Peris Kindheit und Jugend und der Zeit in Cambridge. Dabei spart sie nicht mit Andeutungen auf die eine große Sache, der sich Peri schuldig gemacht hat und übertreibt es dabei meiner Meinung nach. Immer wieder wird man als Leser darauf hingewiesen, dass Peri irgendwas Schlimmes getan haben muss, ein fast schon billiger Trick, um die Spannung aufrecht zu halten.

Die meiste Zeit über hat mich Shafaks Roman aber wieder einmal sehr gut unterhalten. Sie versteht es, Geschichten zu erzählen, farbenfrohe Welten vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen und Charaktere mit Ecken und Kanten zu erschaffen. Peri ist dabei gerade in ihrer Unsicherheit liebenswert, so dass man gar nicht anders kann, als mitzufiebern. Es dauert allerdings, bis die Ereignisse in Oxford sich entwickeln und Peri in das Seminar von Professor Azur aufgenommen wird, das Gott zum Thema hat und das eine große Rolle in Peris Leben und im Roman spielt. Azur ist auch derjenige, um den sich Peris Fehler dreht, der sie bis heute verfolgt.

Einen großen Platz in Shafaks Roman nehmen die Debatten um Gott und die Religion ein und wenn man hierfür kein Interesse aufbringt, wird man an dem Roman vermutlich keine Freude haben. Gekonnt webt die Autorin auch Kritik an ihrem Land ein und zeigt auf, wie sich die Welt bezüglich der Religion in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat.

Je weiter die Lektüre von „Der Geruch des Paradieses“ fortschritt, desto mehr störte ich mich allerdings auch an der blumigen Sprache, die sich meinem Empfinden nach nicht mehr an der Grenze zum Kitsch befand, sondern diese Grenze eindeutig überschritt. Es sind denn auch diese Passagen, die die Geschichte immer wieder unnötig hinauszögern, wobei dann alles recht schnell und plötzlich vorbei ist.

Ein bisschen habe ich inzwischen das Gefühl, dass Shafaks Romane sich alle ähneln, dass die Herangehensweise und Struktur eigentlich immer die gleiche ist. So war ich zu Beginn noch begeistert von diesem Roman, am Ende dann doch ein wenig ernüchtert. Wahrscheinlich werde ich ihre Romane trotzdem wieder lesen, da sie so eine gute Geschichtenerzählerin ist und sie mit ihren Themen, die mich stets ansprechen, klug und souverän umgeht. Und vielleicht ist ihr nächster Roman ja ganz anders. Bereits im Oktober erscheint bei Kein & Aber das neue Buch „Unerhörte Stimmen“.

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses, Kein & Aber Verlag, 2016, 25 Euro


4 Gedanken zu “Die Verwirrte – Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses

  1. Ich bin auch gespannt auf das neue Buch. „Der Geruch des Paradieses“ war mein erster von Shafak, deshalb kann ich nicht die Vergleiche ziehen, wie du es tust. Mal sehen, wie es mir dann geht …
    Viele Grüße!

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  2. Mir hat das Buch auch gut gefallen, ich habe mich wie du aber auch am Ende gestoßen. Das war unnötig und hinterließ einen komischen Nachgeschmack.
    Ich werde aber garantiert auch weitere Bücher von Shafak lesen, als nächstes wohl Der Bastard von Istanbul.
    Viele Grüße
    Jana
    PS: Peri war doch in Oxford, nicht in Cambridge?

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    1. Das mochte ich auch. Aaach, Oxford, Cambridge, Hauptsache Elite-Uni ;) nein, Quatsch, danke für den Hinweis, hab es geändert.

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