Weggehen und Ankommen – Dina Nayeri: Drei sind ein Dorf

Nilou floh als Kind mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus dem Iran in die USA. Die Mutter hatte sich dem Christentum zugewandt und war im Iran nicht mehr sicher. Sie und der Vater beschlossen, dass sie mit den Kindern gehen würde, während er zurückblieb. Inzwischen hat Nilou viel erreicht: Sie studierte an einer Eliteuniversität und macht Karriere, sie heiratete einen erfolgreichen Juristen. Sie lebt nun in Amsterdam, hat keine iranischen Freunde, sondern sich dem westlichen Leben weitgehend angepasst, sozusagen versucht, darin aufzugehen. Doch sie beginnt zu spüren, dass sie ihre Wurzeln nicht einfach verleugnen kann, sie sehnt sich nach etwas, das sie nicht recht benennen kann.

Es hat mit ihrem Vater zu tun, mit Brahman, der im Iran blieb und noch zwei weitere Male geheiratet hat. Beide Ehen verliefen unglücklich. Nilou und ihr Bruder Kian haben den Vater, seitdem sie emigrierten, insgesamt nur viermal getroffen. Brahman ist ein heimatverbundener opiumsüchtiger stolzer Mann, der seine Kinder liebt und vermisst, doch die Beziehung zwischen ihnen ist schwierig. Bei ihren kurzen Treffen spüren alle Beteiligten, dass sie die Zeit ohne einander nicht ignorieren oder wegreden können, dass es nicht möglich ist, da anzuknüpfen, wo das gemeinsame Leben geendet hat. Nilou ist nicht mehr das zehnjährige Kind, Brahman nicht der noch junge Mann, der er war, als seine Familie ging. Nilou fühlt sich nach den Treffen mit dem Vater schlecht und leer, und sie verachtet ihn für seine Opiumsucht. Daher reagiert sie auch nicht auf seine Kontaktversuche im Jahr 2009, als Brahman sie treffen und um Hilfe bitten will.

„Drei sind ein Dorf“ von Dina Nayeri erzählt von Nilou und ihrer Zerrissenheit im Jahr 2009, als sie ein von außen betrachtet gutes Leben mit ihrem Mann Gui in Amsterdam lebt. Gui liebt sie, obwohl er sie nicht immer versteht und es Bereiche gibt, von denen sie ihn kategorisch ausschließt. Sie kann ihre Flüchtlingsgeschichte nicht abschütteln und ist überzeugt davon, dass er sie nicht versteht. Als sie beginnt, sich mit anderen Iranern zu treffen, will sie Gui nicht dabei haben.

Der Roman erzählt abwechselnd von Nilous Leben 2009, von den vier Treffen mit dem Vater seit der Flucht aus dem Iran und von Brahman und seinen derzeitigen Problemen, die damit beginnen, dass er sich von seiner dritten Frau scheiden lassen möchten. Die Konstruktion ist dabei nicht innovativ, verleiht Nayeris Roman aber eine große Lebendigkeit und sorgt für Abwechslung und Spannung, was dazu beiträgt, dass „Drei sind ein Dorf“ zu einer fesselnden Lektüre wird.

Ich habe in den letzten Jahren einige Romane mit ähnlichen Themen gelesen: Gerade Geschichten über junge iranische Frauen, die emigriert sind, scheinen im Trend zu sein. Parallelen sind dabei zwangsläufig, dennoch ist auch hier die Herangehensweise wiederum eine andere. Nayeri gelingt es gut, zu verdeutlichen, wie zerrissen ihre Hauptfigur ist, wie sehr sie die Flucht geprägt hat, so dass sie alles versucht hat, um ein Gefühl von Sicherheit zu bekommen, um in ihrer „neuen Welt“ völlig aufzugehen, möglichst nicht aufzufallen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie feststellen muss, dass dies nicht mehr funktioniert. Dass sie den Iran nicht abschütteln kann. Das ist berührend und nachvollziehbar, wenn ich mich auch manchmal ein wenig über sie geärgert habe, weil sie sich das Leben in meinen Augen noch schwerer machte, als nötig.

„Drei sind ein Dorf“ erzählt fesselnd, unterhaltsam und berührend und in einer oft bildreichen Sprache die Geschichte einer Entwicklung, einer Emanzipation, oder zumindest den Beginn einer solchen, in der in Nilous Leben etwas ins Rollen kommt. Es ist – schon wieder, nachdem ich vor kurzem erst Linn Ullmanns „Die Unruhigen“ beendete, ein ausgesprochener Vater-Tochter-Roman, der nicht unterschiedlicher sein könnte, als das Abschiedsbuch der Norwegerin. Nayeri fragt dabei vor allem, wie man das sein kann, Vater und Tochter, wie man die Beziehung pflegen und erhalten kann, wenn man sich jahrelang nicht sieht, und doch so stark miteinander verbunden ist. „Drei sind ein Dorf“ lässt eintauchen in eine farbenfrohe Familiengeschichte mit sehr starken Charakteren. Ob der Roman nachhallen wird, muss sich dabei erst noch zeigen.

Dina Nayeri: Drei sind ein Dorf, Mare Verlag, 2018, 368 Seiten

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