Liebe, Tod und Leichtfüßigkeit – Christina Hesselholdt: Gefährten

Die „Gefährten“, das sind sechs Kopenhagener Freunde irgendwo in ihren Vierzigern. Camilla, Charles, Alma, Kristian, Alwilda und Edward sind mit einander verbandelt und befreundet, kennen sich schon ihr halbes Leben oder erst seit wenigen Jahren. Alma und Camilla zum Beispiel waren schon als junge Mädchen eng befreundet und blicken auf viele gemeinsame Erinnerungen zurück, vor allem auf gemeinsame Reisen. Edward und Alwilda waren ein Paar, doch sie verließ ihn, und nachdem seine Eltern starben – sie begangen in ihrem Schlafzimmer gemeinsam Selbstmord – zog Edward in das Elternhaus ein und schaffte sich einen Hund an. Camilla und Charles waren zu Beginn ihrer Beziehung so heftig ineinander verliebt, dass sie die Außenwelt komplett ausblendeten, doch Charles wurde krank, was das gemeinsame Leben schwer belastete.

Im Roman der dänischen Autorin Christina Hesselholdt lesen wir vom Leben dieser sechs Freunde in Episoden, in Monologen der einzelnen Figuren, die oftmals auf den ersten Blick ein wenig wirr daherkommen, da sie ihre Gedanken nicht etwa ordnen, sondern sie ungefiltert an den Leser weitergeben. Da gibt es Gedankensprünge in die Vergangenheit und zu Begebenheiten, die ihnen spontan in den Sinn kommen, alles mit dem Ziel, sich selbst und das Erlebte besser zu verstehen. Wir folgen keiner chronologischen Handlung oder einem Erzähler, der die Geschichte für den Leser aufbereitet, vielmehr werden wir hineingeworfen in diesen sehr lebendigen Freundschaftsclub, in das, was die sechs beschäftigt.

Obwohl diese Herangehensweise manchmal etwas verwirrend ist, gelingt es der Autorin, den Leser sehr stark hineinzuziehen in ihren Kosmos. Es sind vor allem zwei große Themen, die ihre Figuren umtreiben, dort, wo sie gerade stehen: Sie alle wurden bereits in der Liebe enttäuscht, vor allem Alma und Camilla wünschen sich aber nach wie vor Liebe und jemanden an ihrer Seite. Liebe und Beziehungen sind allgegenwärtig in „Gefährten“, während das zweite große Thema des Romans der Tod ist. Es ist zunächst Edward, der in langen Episoden vom Tod der Eltern erzählt, davon, wie sehr er sie auch als Erwachsener noch gebraucht hat und wie sehr er litt, als sie nicht mehr da waren. Später dann erfahren wir von der Krebserkrankung der Mutter Camillas und einem weiteren langsamen Abschied. Und auch jede Trennung ist ein Abschied – damit kennen sich die Protagonisten aus. Vor Leiden schützt das nicht.

Hesselholdt lässt in „Gefährten“ auch immer wieder andere, große Schriftsteller und vor allem Schriftstellerinnen sprechen, zitiert Virginia Woolf und Iris Murdoch. Ihre Protagonisten sind Intellektuelle, sie sind selbst Schreibende, die hoffen, durch das Lesen und Schreiben Antworten auf ihre Fragen zu finden. Dabei wechseln sie häufig in kürzester Zeit zwischen Bedeutungsschwere und Beiläufigkeit, wodurch der gesamte Roman weder in die eine noch in die andere Richtung abdriftet, sondern sich stets in einer Schwebe befindet, die dem Buch gut tut und den Leser nicht hinabzieht in ein Gefühl der Depression.

So setzt sich das Bild des Lebens der sechs Freunde nach und nach zusammen, wobei Leerstellen bleiben. Es ist, als würde man jemanden kennenlernen, von dem man sich seine Geschichte erzählen lässt und dem man die eigene Vergangenheit und Gegenwart preisgibt – das geschieht weder chronologisch noch vollständig. Hesselholdt schreibt leichtfüßig und mit Poesie und Humor und lässt dabei vollends eintauchen in ein Gefühl zwischen Pragmatismus, Lebensfreude und Melancholie, das vor allem sehr echt und lebensnah gelungen ist. Mit „Gefährten“ ist Hesselholdt ein erfrischender Roman mit viel Tiefgang gelungen.

Christina Hesselholdt: Gefährten, Hanser Berlin Verlag, 2018, 448 Seiten

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