Abschied vom Vater – Linn Ullmann: Die Unruhigen

Eine Tochter und ein Vater wollen ein Buch schreiben. Ein Buch über das Älterwerden. Sie setzen sich zusammen und reden, das Tonband läuft mit. Doch sie haben sich zu viel Zeit gelassen: Es entstehen nur sehr wenige Aufnahmen, bis der Vater nicht mehr in der Lage ist, zusammenhängend zu sprechen, bis er sich nicht mehr genug konzentrieren kann. Wenig später stirbt er. Die Tochter bleibt mit sechs Tonbandaufzeichnungen zurück, die sie lange Zeit nicht anhört, nicht anhören kann. Die sie dann verlegt, erst Jahre später wieder hervorholt. Und sich dann doch noch, auf andere Weise damit auseinandersetzt und zu einem Buch verarbeitet.

Der Vater ist Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergmann, die Tochter Schriftstellerin Linn Ullmann. Jedoch fallen weder ihre Namen, noch der von Liv Ullmann, der Mutter von Linn. Und „Die Unruhigen“ ist ein Roman, ein Umstand, den man während der Lektüre immer wieder vergisst, denn all die anderen Personen werden namentlich genannt, Orte und Begebenheiten stimmen, soweit das nachvollziehbar ist. Doch als Leser kann man nicht wissen, wie viel dessen, was Ullmann schildert, genauso geschehen ist, wo sie sich schriftstellerische Freiheiten nahm.

Besonders ist der Aufbau ihres Romans: Sie nähert sich dem Vater, der Beziehung zu ihm und auch seiner letzten Zeit von verschiedenen Seiten aus an. Sie taucht ab in die eigene Kindheit und Jugend: Die Eltern, die eine große Liebe und später eine lebenslange Freundschaft verband, trennten sich schon früh, so dass sie die beiden als Paar kaum in Erinnerung hat. Sie lebt bei der Mutter, verbringt die Sommer beim Vater und seiner vierten und letzten Frau Ingrid, andere Kinder kommen ihn besuchen (Bergman hatte insgesamt neun Kinder von fünf Frauen). Der Vater stellt viele Regeln auf, darf bei der Arbeit nicht gestört werden, seine Tochter trifft er zu festgelegten „Sitzungen“ im Arbeitszimmer. Er liebt seine Tochter, kann aber, als sie noch klein ist, nicht allzu viel mit ihr anfangen, später werden sie eine enge Beziehung unter Erwachsenen miteinander haben. Sie ist stark auf die Mutter fixiert, die wie der Vater viel arbeitet und oft monatelang unterwegs ist, – eine Qual für die Tochter, die stets fürchtet, ihre größte Bezugsperson zu verlieren.

Ullmann erzählt davon teils in großen und ausführlichen Passagen, mit Fortschreiten des Romans aber auch zuweilen in kurzen Abschnitten, erinnert sich an einzelne Episoden. Und sie gibt die Tonbandaufzeichnungen wieder, die ihr von dem geplanten Buchprojekt mit dem Vater geblieben sind: Als Leser wird man so Zeuge, wie der Vater immer weniger wird.

„Die Unruhigen“ ist ein berührendes Buch, das seine ganze Kraft nach und nach entwickelt. Behutsam geht Ullmann auf die Suche nach dem, was den Vater, aber auch die Mutter und die Beziehungen zwischen ihnen ausgemacht hat. Die Eltern, die sich in ihrer Elternrolle nicht recht wohlfühlten, die manchmal etwas aus der Kindheit und ein Kindlichsein zu vermissen schienen, das ihnen nicht mehr zustand. Daneben das Kind, das unbedingt erwachsen werden wollte. Einzelne Gedanken wiederholen sich dabei und ziehen sich durch das Buch, definieren die Beziehung dieser Drei und somit auch Ullmanns Roman.

Dass Ullmann vom eigenen Alter Ego mal als „sie“, mal als „ich“ spricht, wie sie mal näher kommt, mal auf Distanz geht zu dem, was sie erzählt, hat mir als Herangehensweise an ihren Stoff sehr gefallen.

„Die Unruhigen“ erzählt auf wunderbare und sehr gut nachvollziehbare Weise von einer Vater-Tochter-Beziehung, die einerseits außergewöhnlich, andererseits wiederum ganz normal war. Die Geschichte ist dabei auch ein langsamer Abschied und Ausdruck einer tiefen Liebe. Der Roman lebt sehr von seinen Zwischentönen, von dem, was weder die Erzählerin selbst, noch der Vater aussprechen, die Autorin aber dennoch transportiert und sichtbar macht. Ein nachdenklicher, lebenskluger Roman.

Linn Ullmann: Die Unruhigen, Luchterhand Verlag, 2018, 416 Seiten

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3 Antworten zu Abschied vom Vater – Linn Ullmann: Die Unruhigen

  1. Masuko13 schreibt:

    Vielen Dank, ganz wundervolle Besprechung!

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