Liebe allein – Ayòbámi Adébáyò: Bleib bei mir

Wir befinden uns in Nigeria in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Yejide und ihr Mann Akin gehören dem Volk der Aruba an. Traditionen sind hier sehr wichtig, die Ehre einer Familie ebenso. Wichtig ist auch, dass eine Frau Kinder bekommt, ja, ohne Kinder ist sie eigentlich keine vollständige Frau. Auch Yejide und Akin wünschen sich Kinder, Yejide wird aber auch nach ein paar Jahren Ehe nicht schwanger. Akins Mutter beschließt, dass es so nicht weitergehen kann, dass ihr Sohn Vater werden muss und setzt Yejide eines Tages die junge Funmi vor die Nase, die Akins Zweitfrau werden soll. Yejide und Akin hatten sich eigentlich gegen die traditionelle Vielehe entschieden, doch die Familie setzt sich durch. Yejide hofft, doch noch schnell schwanger zu werden, damit sie Funmi vielleicht wieder loswerden können, doch so einfach ist das leider nicht.

Diese Ausgangssituation in Ayòbámi Adébáyòs Debütroman „Bleib bei mir“, der soeben im Piper Verlag erschienen ist, ist auch der Einblick in die Geschichte, die der Klappentext und die Buchbeschreibung liefern. An dieser Beschreibung ist erst einmal nichts falsch, sie verkürzt das Thema des Romans aber sehr, denn es geht um viel mehr als diese zweite Frau, die weder Yejide noch Akin wirklich bei sich haben wollen.

„Bleib bei mir“ taucht tief ein in das Leben der beiden Protagonisten, und damit auch in die Zeit zwischen den letzten etwa 20 Jahren des letzten Jahrtausends und den Anfangsjahren des neuen Jahrtausends. Die Autorin lässt den Roman im Jahr 2008 beginnen und geht dann zurück in die Vergangenheit von Yejide und Akin, in die Anfänge ihrer Beziehung, in die schwierigen Jahre, die folgten. Immer wieder fragt die Geschichte danach, was wir bereit sind, für die Liebe zu opfern, auch danach, was man dem anderen „antun“ darf, wann man im Namen der Liebe zu weit geht. Yejide und Akin lieben sich, wollen sich, wollen zusammen sein, doch es zeigt sich, sie sind nicht allein, da ist noch die Familie, da ist der gesamte Kontext, da sind ungeschriebene Regeln, an die man sich halten muss. Die Familie ist das höchste Gut, und man muss alles tun, um diese nicht zu entehren, um zu verhindern, dass andere schlecht über sie reden (was sie, so muss man natürlich vermuten, sowieso tun, egal, wie sehr man sich nun an das hält, was sich „gehört“).

„Bleib bei mir“ hat einen starken Lesesog entwickelt, der Roman liest sich im Nu, was dafür spricht, dass Adébáyò sehr starke und überzeugende Charaktere geschaffen hat und dass sie es ebenso schafft, den Leser für das Schicksal ihrer Figuren zu interessieren und mitfiebern zu lassen. Ganz nebenbei kann man noch etwas lernen über das Yorubavolk, das in Westafrika beheimatet ist und über seine Traditionen und seinen Glauben. So gibt es bei hier Naturgeister und andere Geistwesen, aber auch Vermischungen mit dem christlichen Glauben und dem Islam.

Vor allem aber ist „Bleib bei mir“ eine fesselnde, berührende und auch dramatische Geschichte, die aber nie kitschig wird, über zwei Menschen, die eigentlich einfach nur zusammen sein wollen. Über männlichen Stolz und weibliche Stärke, aber auch Verzweiflung. Über Schmerz und Trauer, dennoch aber nicht ohne Hoffnung. Ayòbámi Adébáyò war mit ihrem Roman für den Baileys Women’s Prize for fiction nominiert. Man darf gespannt sein, was von der Autorin noch zu lesen sein wird.

Ayòbámi Adébáyò: Bleib bei mir, Piper Verlag, 2018, 352 Seiten

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