Der Blues, die Freundschaft, die Realität, der Rassismus – Hari Kunzru: White Tears

Seth und Carter sind Musikfreaks und -sammler, die im Tonstudio Musik zusammenbasteln. Carter stammt aus einer millionenschweren Familie, stellt das Equipment, Seth steuert die Aufnahmen bei. Eines Tages nimmt Seth auf seinen Streifzügen einen alten Bluessong auf, sie mischen diesen so ab, dass er klingt, als käme er aus den 20er Jahren, stellen ihn ins Netz – und hier nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Bis hierhin liest sich „White Tears“ eher als Gesellschaftsstudie, die diese beiden jungen Weißen, die nur schwarzer Musik zugestehen, wirklich „echt“ zu sein, durchaus, bei aller Sympathie, auch ein wenig vorführt in ihrer Arroganz. Die auch die ungleiche Freundschaft der beiden beleuchtet, ist Seth doch eher unscheinbar und unsicher im Auftreten, alles andere als zielstrebig und bis er Carter kennenlernt, eher ein Einzelgänger. Carter dagegen musste sich über Geld nie Gedanken machen, strahlt das Selbstbewusstsein dessen aus, der seine einflussreiche Familie immer hinter sich wusste – zumindest erscheint er Seth und auch dem Leser in diesem Licht.

Doch mit dem Musikstück, das Seth und Carter zusammengemixt im Netz hochladen, nimmt die Geschichte langsam aber sicher eine Wendung. Das Stück schlägt ein und ein Nutzer lässt nicht locker, fragt immer wieder, woher die beiden es haben, will immer wieder wissen, was auf der B-Seite ist – die es natürlich nicht gibt. Er besteht darauf, Stück und Interpreten zu kennen. Kurze Zeit später wird Carter dann überfallen und ins Koma geprügelt. Seth macht sich mit Carters Schwester Leonie daraufhin auf den Weg durch den Süden der USA, um herauszufinden, warum Carter überfallen wurde und was es wirklich mit dem Stück und seinem angeblichen Urheber Charlie Shaw auf sich hat.

Mit „White Tears“, seinem fünften Roman, hat Hari Kunzru ein spannendes, unterhaltsames, vor allem vielschichtiges Werk vorgelegt, dessen Komplexität sich allerdings erst im Laufe des Romans wirklich offenbart. Je weiter man in der Lektüre fortschreitet, desto mehr verschwimmen Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie, zwischen Gegenwart und Vergangenheit und nicht immer weiß man zu Beginn eines neuen Kapitels sofort, wer da gerade wann und wo eigentlich erzählt. Hat man sich darauf allerdings erst einmal eingelassen, wird der Roman zu einer ungemein spannenden Lektüre, die nicht mehr loslässt. Dabei geht es immer wieder um Musik und ihre Zeitlosigkeit, alte Musik, die ihre Kraft nie zu verlieren scheint. Doch Kunzru erzählt in seinen Ausflügen durch Zeit und Raum auch immer wieder vom Rassismus in den USA, von Freundschaften und der Bindung an die Familie und die Vergangenheit, die sich nicht abschütteln lässt.

„White Tears“ ist ein temporeicher Roman, der innovativ und mutig daherkommt, dessen Autor die verschiedenen Stränge seiner Geschichte aber mit einer bemerkenswerten Souveränität verschränkt und der sich nicht scheut, Realität und Phantastisches zu vermengen bzw. den Leser in dieser Hinsicht auch einfach mal zu verwirren und zu fordern. Ein Roman, der meiner Meinung nach nur so danach schreit, verfilmt und mit einem entsprechenden Soundtrack unterlegt zu werden. Bookster HRO war ebenfalls begeistert.

Hari Kunzru: White Tears, Liebeskind Verlag, 2017, 352 Seiten

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2 Antworten zu Der Blues, die Freundschaft, die Realität, der Rassismus – Hari Kunzru: White Tears

  1. Hauke Harder schreibt:

    Ein großartiger, düsterer sowie poetischer Roman. Ich war mehr als Begeistert! Es geht um die Besessenheit von Musik und deren Geschichte. Voller Blues. Blues ist Schmerz und Leid und hat eine tiefverwurzelte Geschichte. Ein toller Leseschatz ;-)

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