Die Leben der Anderen – Rachel Cusk: Kudos

„Kudos“ ist der dritte und letzte Teil der Trilogie einer „weiblichen Odyssee im 21. Jahrhundert“ von Rachel Cusk. „Kudos“ bezeichnet dabei so etwas wie männliche Ehre oder männlichen Ruhm, und die Autorin hat die Titelwahl des Romans damit begründet, dass der Heroismus weiblicher Biografien oft übersehen werde.

Auch in „Kudos“ begleiten wir wie in den beiden Vorgängerromanen Faye, deren Name nur einmal genannt wird, und wieder ist sie unterwegs, auf Werbetour für ihr neues Buch. Wieder lernt sie schon im Flugzeug jemanden kennen, der ihr seine Lebensgeschichte erzählt, wieder spricht sie dabei kaum, während der andere ihr gegenüber sehr redselig ist, ohne dass eigentlich klar wäre, wieso er einer Fremden so ausgiebig und quasi ohne Anlauf derart private Dinge preisgibt.

In dieser Hinsicht erinnert mich „Kudos“ vor allem an „Outline“, den ersten Band der Trilogie, während der Leser im zweiten Band „Transit“ ein paar mehr Informationen zu Faye erhält. Auch in „Kudos“ ist Fayes eigenes Leben wenn überhaupt nur am Rand Thema, ja, wir erfahren Neuigkeiten über sie nur sehr sporadisch und dann von denen, die sie interviewen und sie auf Veränderungen in ihrem Leben, nach der Scheidung etwa, von der in „Transit“ die Rede war, ansprechen. Faye nimmt diese Aussagen zu ihrer Person dann eher einfach hin, statt sie zum Thema zu machen.

„Kudos“ spielt komplett im Literaturkosmos. Faye lernt andere Schriftsteller und Schriftstellerinnen kennen, Verleger und Journalisten. Sie geht zu Interviews, in denen sie quasi nicht interviewt wird, in denen ihr Gegenpart an ihren Antworten kein Interesse zu haben scheint, sondern einfach nur sein vorgefertigtes Bild von Faye bestätigt haben möchte. Der Roman lässt sich in der Hinsicht als Abrechnung mit dem Literaturbetrieb und einigen seiner merkwürdigen Mechanismen lesen, was einen feinen Witz hat, der mir gut gefiel.

Durch die vielen Lebensgeschichten, die die anderen Faye erzählen, ziehen sich wie gehabt bestimmte Themen: Es geht um Ehe und Beziehungen, die oft gescheitert sind, um Kinder, um das Verhältnis zu ihnen. Um die unterschiedlichen Rollenbilder von Männern und Frauen, um das Zusammenleben. Passend zum Titel stehen dabei oft die Frauen in dem Ganzen im Vordergrund, ihr Zurechtkommen mit den Anforderungen in Familie und Beruf, die Schwierigkeiten, die sie dabei meistern. Die einzelnen Geschichten ziehen den Leser nach kurzer Zeit stark in die Leben dieser Figuren, die, kaum hat man sie kennengelernt, auch schon wieder verschwinden und jemand Neuem Platz machen. Cusk ist eine Meisterin im Schaffen dieser Charaktere, wirft immer wieder Fragen auf, über die es sich lohnt, nachzudenken. So ging es mir zwar erneut so, dass ich gern mehr über Faye selbst erfahren hätte, dass ich dies aber über die gekonnt erzählten anderen Lebensgeschichten stets schnell wieder vergaß. Auch die Irritation über die durchaus etwas seltsam anmutende Selbstverständlichkeit, mit der man Faye nach kürzester Bekanntschaft bereits die intimsten Details aus dem eigenen Leben anvertraut, gerät schnell in den Hintergrund. Viele der Lebensgeschichten, die Faye erzählt werden, sind schmerzhaft, entlarven Selbstbetrug, zeigen auf, dass es schwierig ist, glücklich zu werden bzw. dauerhaft zu sein. In dieser Hinsicht ist „Kudos“ dann auch ein melancholisches Buch.

Obwohl mich „Kudos“ und damit der Abschluss dieser so lesenswerten Trilogie auch ein Stück weit ratlos zurücklässt, habe ich alle drei Bände sehr gern gelesen. Rachel Cusks Romane enthalten viele interessante Einblicke und Gedanken, die man als Leser für sich sortieren muss. Dass Faye selbst so sehr in den Hintergrund rückt, verleiht den Romanen einen besonderen Charme, dem ich mich kaum entziehen konnte. Cusks Trilogie ist eine lesenswerte Bestandsaufnahme weiblicher Lebensrealität in unseren Tagen und dabei stets fesselnd und unterhaltsam.

Rachel Cusk: Kudos, Suhrkamp Verlag, 2018, 2015 Seiten

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2 Antworten zu Die Leben der Anderen – Rachel Cusk: Kudos

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich lese es auch gerade und bin wieder fasziniert von ihrer Art zu schreiben. Eigentlich ist es eine Suchbewegung, der ich gerne folge. Ich finde es auch gerade gut, dass man von Faye so wenig weiß. Und: Sie spiegelt sich ja auch immer in den anderen Gesprächspartnern. Es gibt solche Menschen, denen man sofort alles über sich erzählen mag. Ich denke, es sind vor allem gute Zuhörer. Etwas was einem ja oft fehlt …
    Liebe Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ich finde, es macht die Trilogie ja auch eindeutig aus, dass man so wenig über sie weiß, und es verleiht ihr einen ganz eigenen Charme. Ich bin da einfach neugierig und wüsste trotzdem gern mehr – aber natürlich wären es dann auch einfach andere Romane. Stimmt, es gibt wenig wirklich gute Zuhörer, Faye ist offenbar eine von ihnen. Auch Dir viele liebe Grüße und einen schönen Sonntag!

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