Amnesie – Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

1965. Elihu Hoopes ist 37 Jahre alt, als er sich eine Virusinfektion zuzieht, die, unerwartet und wohl auch, weil sie nicht behandelt wird, in seinem Gehirn irreparablen Schaden anrichtet und zu einer Amnesie führt, die sein Leben lang anhalten wird. Elis Kurzzeitgedächtnis ist extrem eingeschränkt: Er erinnert sich nur an das, was in den letzten 70 Sekunden geschehen ist.

Am neurologischen Institut der Universität von Daven Park ist Eli so was wie ein VIP-Patient. Man ist stolz, den Mann mit der so interessanten Erkrankung erforschen zu dürfen und bemüht, dieses Exklusivrecht nicht wieder zu verlieren. Margot Sharpe kommt als junge Doktorandin an das Institut, ist von Eli und seiner Krankheit fasziniert und wird ihn 30 Jahre lang begleiten, ihn kennen lernen, so gut man jemanden kennen lernen kann, der nur noch eine Vergangenheit hat und der einen immer wieder vergisst. Es ist eine besondere, eine seltsame Beziehung zwischen den beiden, eine ungesunde auch, denn Margot verrennt sich mit der Zeit in romantische Gefühle für den Mann, der ihr nie ein ebenbürtiger Partner sein könnte. Und dessen altes Ich sich wohl auch nicht für Margot interessiert hätte, da sie seinem Typ einfach zu wenig entsprochen hätte, in einer anderen Welt als er zu Hause war, zu unscheinbar wohl auch für den gutaussehenden und mondänen Geschäftsmann, der Eli vor seiner Erkrankung war – oder als der er sich zumindest selbst sah.

Joyce Carol Oates erzählt in ihrem neuen Roman „Der Mann ohne Schatten“ die Geschichte dieser beiden, meist aus Margots Perspektive, manchmal auch aus der Elis, was sehr aufschlussreich ist. Eli weiß, dass etwas mit ihm nicht stimmt, versucht, zu erahnen, was die Ärzte und Wissenschaftler von ihm hören wollen, hat oft das Gefühl, dass man ihn testet und manipuliert, ohne aber wirklich durchschauen zu können, wie, da ihm dazu die Erinnerung fehlt. Die Tests an ihm und seinem geschädigten Gehirn sind nicht dazu da, ihm zu helfen oder gar zu heilen, sie dienen der Wissenschaft. Man will herausfinden, was in Elis Gehirn anders ist als bei gesunden Menschen, man sieht in ihm eher ein Objekt als ein Subjekt. Margots Gefühle für Eli sind anderer Natur, und sie überschreitet immer wieder Grenzen in dem Verhältnis zu diesem Mann, der von ihr abhängig ist. Sie lebt für die Wissenschaft, pflegt fast keine sozialen Kontakte, vernachlässigt ihre Familie – doch sie nutzt auch Eli und seine Schutzbedürftigkeit auch aus.

„Der Mann ohne Schatten“ ist gut und souverän geschrieben und, so kann man wohl annehmen, gut recherchiert, zumal die Entstehung des Romans, wie in der Danksagung zu lesen ist, von Oates’ Mann begleitet wurde, der Neurowissenschaftler ist. Dennoch ist es natürlich eine fiktive Geschichte, in der es genauso wie es um den Erkrankten geht, auch um Margot geht, die ihn zu ihrem kompletten Lebensinhalt macht und deren Verhalten man wahrscheinlich ebenso, wenn auch auf andere Weise, krankhaft nennen muss. Oates arbeitet diese Beziehung gut heraus, zeigt die Besonderheiten und Schwierigkeiten, wirklich fesseln konnte mich der Roman allerdings nicht. Das liegt zum großen Teil vermutlich am Thema, das es mit sich bringt, dass wir zum Beispiel von vielen ähnlichen Szenen lesen, in denen Eli und Margot sich begegnen und er nicht weiß, wer sie ist. Oates differenziert hier durchaus und zeigt in Nuancen, dass sich Kleinigkeiten eben doch verschieben – verschieben könnten. Für meinen Geschmack hätte man hier dennoch gut kürzen können und müssen. Wir erfahren auch von Elis Vergangenheit vor der Infektion, an die er sich erinnern kann, doch eine Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit ist nicht zu erwarten, was man dem Roman schwerlich anlasten kann, da Eli eben nur eine sehr punktuelle Gegenwart hat, es eine Zukunft nicht für ihn geben kann. So ergeben sich viele Schwierigkeiten, die ich mit der Geschichte hatte, eben aus der Art und Weise dieser Geschichte und nicht aus einem Unvermögen der Autorin heraus.

Wer sich also für Neurowissenschaften interessiert und eine gut erzählte Geschichte über einen Mann mit einer schweren Amnesie lesen möchte sowie über eine Wissenschaftlerin zu einer Zeit, als Frauen noch viel weniger in der Forschung zu finden waren, als es heute der Fall ist, der wird mit „Der Mann ohne Schatten“ einige unterhaltsame und lehrreiche Stunden verbringen.

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten, Fischer Verlag, 2018, 384 Seiten

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Eine Antwort zu Amnesie – Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

  1. thursdaynext schreibt:

    Das klingt nach einer Geschichte, die mich aus meiner Leseunlust reißen könnte. Danke dir.

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