Das richtige Blut – Francesca Melandri: Alle, außer mir

Ilaria, Lehrerin, irgendwo in ihren 40ern, lebt ein zufriedenes Leben, in dem sie sich gut eingerichtet hat. Sie lebt allein, unterhält aber seit vielen Jahren eine Beziehung, die eigentlich keine wirkliche Beziehung ist, zu ihrem Jugendfreund Piero. Da sich ihre politischen Einstellungen sehr unterscheiden – Ilaria steht politisch links, Piero dagegen ist Parteifreund Berlusconis – wurde aus beiden nie ein Paar mit Trauschein, Kindern, allem Drum und Dran, obwohl Piero sie gern geheiratet hätte.

Ilaria lebt in Rom, gleich gegenüber ihrem jüngeren Halbbruder Attilio. Ihr gemeinsamer Vater hatte ihnen und Ilarias beiden älteren Brüdern vor Jahren jeweils eine Wohnung in dem Haus geschenkt. Diese verkauften ihre Wohnungen und betreiben inzwischen anderswo erfolgreiche Karrieren. Ilaria und Attilio verbringen viel Zeit miteinander und haben ein freundschaftliches Verhältnis. Das war nicht immer so, denn in ihren ersten Lebensjahren hat Ilaria nicht einmal von der Existenz Attilios gewusst. Bis ihr Vater zugab, neben seiner eigentlichen Familie eine weitere Frau und einen Sohn zu haben.

Das ist zumindest Ilarias Stand der Dinge, als eines Tages ein junger schwarzer Mann vor ihrer Wohnungstür steht und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. Ihr Vater, mit Namen ebenfalls Attilio, sei sein Großvater. Zu der Zeit, als die Italiener als Kolonialherren in Äthiopien waren und mit ihnen auch Attilio Profeti, habe dieser eine Beziehung zur Großmutter des Jungen gehabt, der im Übrigen ebenfalls den Namen des alten Attilio trage: Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti. Ilaria ist zunächst einmal perplex. Noch ein geheimer Bruder? Sie beginnt zu ahnen, dass sie deutlich weniger über ihren Vater weiß, als sie dachte. Ihn, der inzwischen weit über 90 und dement ist, kann sie nicht mehr fragen, doch sie wird neugierig und beginnt, sich mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen. Und sie findet Dinge heraus, nicht nur über ihren Vater, sondern über die Vergangenheit ihres ganzen Landes, die sie in ihrem Leben mehr betreffen, als es ihr lieb sein kann.

Francesca Melandris neuer Roman „Alle, außer mir“ ist ein ambitioniertes Projekt, denn was mit dem Erscheinen des jungen Mannes als sehr aktuelle Bestandsaufnahme der sogenannten Flüchtlingskrise beginnt, wird im Laufe der Geschichte nicht weniger als ein Roman über die Geschichte Italiens. Als er vor kurzem im Literarischen Quartett besprochen wurde, sagte der Gast der Sendung, der ehemalige SPD-Parteivorsitzende und frühere Buchhändler Martin Schulz auf eine entsprechende Frage, er würde den Roman all jenen empfehlen, die etwas über Italien erfahren wollten. Er hat Recht: Melandri taucht tief ein in die Vergangenheit des greisen Attilio Profeti, in die Zeit des Faschismus und der Kolonialherrschaft der Italiener in Äthiopien. Dabei kann man eine Menge lernen – und vieles, was ich da gelesen habe, war mir tatsächlich nicht bekannt. Die eigenen Gräueltaten wird kaum ein Volk stolz vor sich hertragen, das gilt wohl für alle ehemaligen Kolonialmächte, dennoch sind, wie auch Ilaria im Rahmen ihrer nicht einmal sehr gründlichen Suche feststellt, viele Ereignisse verbrieft und leicht zu finden und nachzulesen.

Die Rückblenden in die unrühmliche Vergangenheit Italiens werden im Laufe des Romans immer umfangreicher und führen gerade in der zweiten Hälfte etwas zu weit von der eigentlichen Geschichte um Ilaria und die Vergangenheit ihres Vaters weg, fügen sich nicht immer nur organisch in das große Ganze ein. Hier leidet der Lesefluss ein wenig – wobei sich dies natürlich auch aus dem ergibt, was wir da zu lesen bekommen: Die expliziten Beschreibungen der Massaker an den Einheimischen etwa sind nur schwer zu ertragen.

Dennoch gelingt es Melandri die meiste Zeit über gut, zu verdeutlichen, was die Recherchen über den Vater in Ilaria auslösen. Nicht nur muss sie feststellen, dass sie über ihren Vater viel weniger weiß, als bisher angenommen, sondern sie muss auch damit fertig werden, dass sie selbst, die von den zutage geförderten rassistischen Einstellungen des Vaters geschockt und angewidert ist, vom Status und Geld genau dieses Vaters profitiert. Und davon, im richtigen Land geboren zu sein. Im Original trägt Melandris Roman den Titel „Sangue giusto“, zu deutsch „Richtiges Blut“, ein Titel, der dem deutschen Verlag möglicherweise zu provokant erschien, der das „Blut“ womöglich nicht im Titel haben wollte. Ein Titel, der aber kurz und knapp benennt, dass und wie wir alle in Europa von einer Zufälligkeit profitieren, während der junge Shimeta schlicht das falsche Blut hat, um ein Leben zu führen wie seine Halbgeschwister. Ein Titel, der außerdem auf die Rassenlehre der Faschisten hinweist, die vor allem darauf besteht, dass das „richtige Blut“ nicht mit dem „falschen“ vermischt werden darf.

„Alle, außer mir“ – auch der deutsche Titel erklärt sich aus der Geschichte heraus, setzt aber einen anderen Schwerpunkt – ist ein über weite Strecken gelungener Roman, der ein wenig unter seiner Ambitioniertheit leidet. Melandri möchte so viel Hintergrundwissen in ihrer Geschichte unterbringen, dass manch Anderes zu kurz kommt . Ihre Sprache drängt sich dabei nicht in den Vordergrund, fällt nicht auf, wobei die Beschreibungen der sexuellen Beziehung zwischen Ilaria und Piero nicht zu den starken Stellen des Romans gehören, sondern eher wie nicht dazugehörend wirken.

Dennoch ist Melandris Roman eine lehrreiche, in weiten Teilen unterhaltsam geschriebene Geschichte über unser privilegiertes Leben, über den Umstand, dass der, der hat, oft noch mehr bekommt, über Ungerechtigkeit, über ein schwarzes Kapitel italienischer und somit auch europäischer Geschichte. Über die heutige Flüchtlingsbewegung und über diese Figur der Ilaria und ihr Leben, das plötzlich komplett in Frage gestellt wird. Mir zwar ein bisschen zu überladen, im Großen und Ganzen aber dennoch ein empfehlenswerter und lehrreicher Roman.

Francesca Melandri: Alle, außer mir, Wagenbach Verlag, 2018, 608 Seiten

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2 Antworten zu Das richtige Blut – Francesca Melandri: Alle, außer mir

  1. Masuko13 schreibt:

    Schöne Rezension. Besonders gern habe ich gelesen, dass ich nicht allein bin mit meinem Eindruck, dass Melandri einfach zu viel ihrer Recherche in den Text einfließen lässt und damit den Erzählfluss dieser guten Geschichte erheblich stört. Dir ging es also auch so. Schöne Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Danke! Ja, ich fand, dass es einfach zu lang war und zu sehr wegführte, obwohl das ja alles zweifellos sehr interessant (und auch schockierend) war. Insgesamt aber doch ein guter Roman. Viele Grüße zurück! :)

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