Große Fragen – Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

Obwohl ich Lionel Shriver zu meinen Lieblingsautorinnen zähle und schon einige Romane von ihr gelesen habe, zuletzt den Anfang dieses Jahres im Piper Verlag erschienenen Roman „Eine amerikanische Familie“, fehlte ihr berühmtestes Buch „Wir müssen über Kevin reden“ (erstmals erschienen 2003 in den USA) noch in meiner Liste. Wo immer der Roman erwähnt wurde, wurde er in den höchsten Tönen gelobt, und das gilt auch für die Verfilmung der Geschichte aus dem Jahr 2011 mit Tilda Swinton, den ich mir jetzt wohl ganz bald ansehen muss.

Kevin, das ist der Sohn von Eva und Franklin, der kurz vor seinem 16. Geburtstag in seiner High School ein Blutbad anrichtet – die Art und Weise des Angriffs auf seine Mitschüler und eine Lehrerin rechtfertigen diesen reißerischen Begriff durchaus. Eva, aus deren Sicht der Roman komplett geschrieben ist, erinnert sich in Briefen an ihren Mann Franklin an das gemeinsame Leben: an die Zeit als Paar, in der sie oft monatelang unterwegs war, um für eine Reiseführerserie zu recherchieren, an den Wunsch, ein Kind zu bekommen, als beide in ihren Dreißigern waren. An die Ankunft des neuen Familienmitglieds, Kevin, der von vornherein ein seltsames Kind war, an seine frühe Kindheit, in der schon begann, was sich durch die Geschichte ziehen wird: Kevin war stets desinteressiert, konnte sich für nichts begeistern, er war feindselig. Er hatte keinen Respekt vor dem, was anderen wichtig war, er verachtete seine Eltern für die Herablassung, mit der sie seiner Meinung nach auf ihre Mitmenschen blickten.

Dabei unterscheidet sich das Verhältnis zu seinem Vater und seiner Mutter in großem Maße: Zwischen Mutter und Sohn gleicht das alltägliche Leben einem Kampf. Eva versucht alles, um ihren Sohn so zu lieben, wie es sich ihrer Meinung nach gehört, kämpft mit allen Mitteln gegen seine Feinseligkeit und Kälte, ist am Ende meistens hilflos gegen das Monster, das sie geschaffen hat. Ein Monster, das nur sie sieht, denn der Vater, der versucht, dem Sohn ein kumpelhafter Quasi-Freund zu sein, der ihm durch Vorleben zeigen möchte, wie man sich zu verhalten hat, hält Evas Anschuldigungen gegen Kevin für zunächst nur übertrieben und haltlos, später für boshaft, um von ihrer eigenen Schuld abzulenken. Unter dem Streit über den Sohn leidet die Ehe erheblich.

Es sind, wenig überraschend, die typischen und doch großen Fragen, an denen sich das Buch abarbeitet: Wie konnte es zu dem Massaker kommen? Gibt es das, Menschen, die von Geburt an böse sind, die das Schlechte, die Zerstörungswut in sich tragen? Oder werden sie dazu gemacht? Durch wen oder was? Und, natürlich für die Mutter des Jungen, der zum Mörder wird: Hätte sie es verhindern können? Es kommen sehen müssen? Fragen, die man sich so oder ähnlich immer wieder stellt, wenn von einem neuen vergleichbaren Fall berichtet wird, meist in den USA, immer öfter auch schon hier.

Eva geht hart mit sich ins Gericht. Ihre Ausführungen, die stets eine Verknüpfung dessen sind, was geschah mit ihren Gedanken und Gefühlen zum Geschehen – und zwar sowohl damals, als auch jetzt, mit Abstand und mit dem Wissen, wozu Kevin am Ende fähig war, diese Ausführungen sind sehr reflektiert und selbstkritisch. Auch Gedanken, die man eigentlich eher nicht mit anderen teilt, schreibt sie in ihren Briefen an Franklin nieder, wie die Erinnerungen an die Momente, in denen sie sich wünschte, sich nie für ein Kind entschieden zu haben, weiter das bequeme, wenn auch nicht immer sorgenfreie Leben mit dem Mann gelebt zu haben, den sie doch immer geliebt hat. Immer wieder zeigt sich, wie genau Shriver hinsieht, wie gut sie ihre Protagonistin kennt, wie klug sie sie und ihre Beziehung zu Franklin seziert. Der Roman strotzt nur so vor Erkenntnissen, Erkenntnissen Evas. Erkenntnisse, die mich beim Lesen haben staunen und innehalten lassen – und die Eva am Ende nichts nützen.

Diese Art und Weise, wie Shriver ihr schwieriges Thema angeht (das Manuskript wurde von mehreren Verlagen zunächst abgelehnt, bevor sich der Roman, einmal veröffentlicht, schnell zum Bestseller entwickelte), macht „Wir müssen über Kevin reden“  zu dem, was es ist: Ein großartiges Buch, eines, bei dem ich an den Seiten geklebt habe, das ich, auch wenn ich eigentlich zu müde war, immer weiterlesen musste, eines, das mich in den Alltag verfolgte, und von dem ich erzählen musste, da es mich so beschäftigte. Mich trieben die genannten Fragen um, ob es das gibt, Menschen, die sich nicht in andere hineinversetzen können, unfähig zur Empathie, die einfach gesagt böse sind. Ich dachte darüber nach, wie Eva das Massaker nicht doch hätte verhindern können, ich überlegte, wie es sein muss, einen solchen Sohn zu haben. Antworten habe ich kaum gefunden. Auch Shriver wollte mit ihrem Roman keine geben, sondern, so verstehe ich ihren Roman, dazu anregen, sich genau diese Fragen zu stellen.

„Wir müssen über Kevin reden“ beweist einmal mehr, dass Lionel Shriver eine brillante Schriftstellerin ist. Sie nimmt sich Zeit für ihre Geschichte, deren Ende von Anfang an klar ist – dennoch ist es ein ungeheuer spannender Roman, der mich aber vor allem durch seine psychologische Raffinesse für sich eingenommen hat. Um glaubhaft über solch ein Thema schreiben zu können, muss man Talent haben, und Shrivers Geschichte ist zu keinem Zeitpunkt unglaubwürdig. Sie ist schwere Kost, sie ist manchmal kaum auszuhalten, dennoch: Lest dieses Buch. Es ist ein Meisterwerk.

Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden, Piper Taschenbuch Verlag, 2017, 560 Seiten

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4 Antworten zu Große Fragen – Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

  1. thursdaynext schreibt:

    Unfähig zu Empathie und nicht bereit Regeln die das Zusammenleben ermöglichen zu beachten oder nicht fähig sie einzuhalten. Das sind wirklich noch ungeklärte Fragen. Es gibt solche Menschen, schon immer, nur wurden sie früher anders behandelt und ich frage mich ob es immer sinnvoll ist nach den Ursachen zu forschen. Die Gesellschaft muss sich diese Fragen stellen und es fängt bereits im Kindergarten an.
    Jetzt muss ich doch noch lesen

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    • letteratura schreibt:

      Dann ist die Frage wohl, woran man erkennt, dass derjenige evtl. gefährlich werden könnte und ob und wenn wann man etwas unternehmen müsste. Und was. Würde mich interessieren, was Du von dem Roman hältst!

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      • thursdaynext schreibt:

        Wir haben ja dazu geschrieben, ich habe mich bisher gedrückt, ich werde ihn mir nach deiner Besprechung vornehmen, weiß nur noch nicht wann. Ich denke, dass man schon im Kindergarten also im jüngsten Alter ansetzen sollte und sehe die fehlende Empathie immer mehr als sehr großes gesellschaftliches Problem. Sich in andere hineinzuversetzen scheint nicht mehr Erziehungsziel vieler Eltern zu sein. Auch zuhören, sich mal zurücknehmen oder nur einfache Regeln einzuhalten ist in den letzten 25 Jahren sehr schierig für ein Gros der Kinder geworden. Michale Winterhoff mit seinen Büchern hat da viel Aufdeckungsarbeit geleistet. Ich gehe nicht immer mit ihm konform, aber die meisten seiner Thesen kann ich unterschreiben. „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ kann ich wärmstens empfehlen und auch seine anderen Bücher. Er legt sehr zielsicher den Finger auf die wunden Punkte.

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      • letteratura schreibt:

        Du hast bestimmt recht mit der fehlenden Empathie. Ich finde es auch wichtig, diese Dinge zu vermitteln. Was das Buch angeht, müssen wir nochmal sprechen, wenn Du es gelesen hast :)

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