Leben in Zeiten des Aufbruchs – Ayelet Gundar-Goshen: Eine Nacht, Markowitz

Jakob Markowitz ist ein unauffälliger, durchschnittlicher Mann ohne große Ambitionen, ja, er scheint selbst nicht recht zu wissen, was er vom Leben erwarten oder sich wünschen soll. Wir befinden uns in der Zeit um die israelische Staatsgründung und Markowitz muss mit seinem Freund Seev Feinberg, der sich vom Titelhelden sehr unterscheidet, die Heimat zunächst einmal verlassen. Feinbergs markantes Merkmal ist der Schnauzer, der die Frauen nur so anzieht, doch auch Feinberg selbst kann ihnen nicht widerstehen, was gleich zu Beginn des Romans zur Folge hat, dass Feinberg vor dem eifersüchtigen Ehemann einer seiner Geliebten fliehen muss und so vom Irgun-Vizechef nach Europa geschickt wird. Zusammen mit Markowitz sind sie in Europa Teil einer Gruppe von Männern, die Frauen durch Heirat vor den Nazis retten. Sie nehmen diese mit in die Heimat, wo die sofortige Scheidung ansteht. Alles geht schnell über die Bühne, nur Markowitz weigert sich, Bella, der schönsten Frau, die er je gesehen hat, wie es mehrfach im Roman heißt, den Scheidungsbrief zu geben. So bleibt sie an ihn gefesselt und lässt ihn ihre Verachtung und ihren Hass stets spüren. Markowitz aber hofft, dass Bella ihre Meinung irgendwann ändern und aus freien Stücken bei ihm bleiben wird.

Ayelet Gundar-Goshen erzählt in ihrem Debütroman „Eine Nacht, Markowitz“ aus dem Jahr 2012 von diesen Menschen zu einer Zeit des Umbruchs und sie tut dies auf höchst eigene Art und Weise. Neben Markowitz, Bella (ein fast schon merkwürdig simpel sprechender Name) und Feinberg tummeln sich noch der besagte „Irgun-Vizechef“ und Feinbergs große Liebe Sonia in der Geschichte, Sonia, die Bella sehr ähnlich sieht, nur dass ihre Augen einen Hauch zu weit auseinander stehen, als dass man sie als schön bezeichnen könnte. Ein paar weitere Figuren gibt es noch, doch im Großen und Ganzen ist das Figurenpersonal damit vollständig.

Der Leser begleitet nun hauptsächlich die beiden Paare Markowitz/Bella (die natürlich kein echtes Paar sind) und Feinberg/Sonia in ihrem Alltag, in ihrem Leben in unsicheren und vom Krieg geprägten Zeiten. Einem Krieg, der auch vor den Protagonisten nicht Halt macht und in ihr privates Leben eindringt, der das Verhältnis der Figuren zueinander verändert.

Es ist nicht einfach mit der Liebe in „Eine Nacht, Markowitz“ und das betrifft nicht nur, quasi zwingend, die Titelfigur. Auch Feinberg und Sonia haben zu kämpfen. Ganz abgesehen vom Irgun-Vizechef, der Sonia innig und unglücklich liebt.

Ayelet Gundar-Goshen hat mit ihrem Debüt vor allem eines (in meinen Augen) vorgelegt: ein merkwürdiges Buch. Es ist merkwürdig in seiner Sprache, die teils blumig, teils knapp und direkt ist, die manchmal etwas angestaubt wirkt, mir karg vorkommt, wenn es fast mechanisch etwa Sex und Geschlechtsorgane thematisiert, und das kommt oft vor. Es ist merkwürdig in seinem Aufbau, der zumindest intuitiv keinen geläufigen Regeln zu folgen scheint. Und es erscheint mir auch darin merkwürdig, dass mir während der kompletten Lektüre unklar blieb, was Gundar-Goshen mit ihrer Geschichte aussagen möchte, was ihr Anliegen war, als sie dieses Buch schrieb. In der Beschreibung ihrer Figuren, ihrem Handeln und Streben geraten diese teils seltsam vordergründig, fast möchte man meinen plump, wenn die Autorin Begebenheiten quasi in den Raum „knallt“, an anderer Stelle wird sie dann aber vielschichtiger und ihre Geschichte dadurch wiederum komplexer. Und dann durchzieht den Roman komplett ein erfrischender Humor, der den Eindruck erweckt, dass das alles eigentlich doch gar nicht so schlimm ist, wie es manchmal aussehen mag und der dem Ganzen eine wohltuende Distanz verleiht.

Interessanterweise nehmen diese Irritationen dem Roman aber keineswegs die Faszination, die mich durch die Seiten fliegen ließ, im Gegenteil haben die angesprochenen Auffälligkeiten mich eher umso mehr an der Geschichte dranbleiben lassen. Die Autorin zeigt schon in ihrem ersten Buch eine ganz eigene Erzählstimme, einen eigenen Stil, der mich sehr neugierig auf weitere Romane macht (auf Deutsch sind bisher neben diesem zwei weitere Romane von Ayelet Gundar-Goshen im Kein & Aber Verlag erschienen).

„Eine Nacht, Markowitz“ führt in eine Zeit und an einen Ort, von dem ich in dieser Kombination noch nicht gelesen habe, wartet mit sehr eigenwilligen Figuren auf und zeigt den Alltag dort, wo er etwas Anderes bedeutete, als wir es hier und heute kennen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Figuren und ihrem Innenleben, von (wie so oft) ihrem Wunsch, glücklich zu werden und den dabei aufkommenden Schwierigkeiten. „Eine Nacht, Markowitz“ ist das sehr interessante, wenn auch teils verwirrende Debüt einer jungen Autorin, von der ich unbedingt mehr lesen möchte.

Ayelet Gundar-Goshen: Eine Nacht, Markowitz, Kein & Aber Verlag, 2013, 432 Seiten, als Taschenbuch bei Kein & Aber, 2015, 426 Seiten

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