Die indische Mutter – Ernest van der Kwast: Mama Tandoori

Auf dem Buchumschlag wird Ernest van der Kwasts Debütroman aus dem Jahre 2010 als „Autobiographischer Roman“ bezeichnet, was immer genau das heißen soll. Von van der Kwast sind in Deutschland bereits recht erfolgreich die später entstandenen Romane „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ und „Die Eismacher“ erschienen. „Mama Tandoori“ ist meine erste Begegnung mit dem Autor. Eine Begegnung, die ein wenig unglücklich verlaufen ist. Und eine, nach der ich nicht recht weiß, ob ich dem Autor eine zweite Chance geben möchte.

„Mama Tandoori“ erzählt die Familiengeschichte des Autors, wobei unklar bleibt, wie viel des Geschilderten auch genauso wie beschrieben passiert ist, denn es handelt sich ja um einen Roman und nicht um eine Autobiographie. Mir scheint es wichtig, das im Hinterkopf zu behalten, da van der Kwasts Hauptfigur, die indische Mutter des Ich-Erzählers, hinter dem man ganz automatisch stets den Autor sieht, nicht eben im besten Licht erscheint.

Geboren wurde Ernest van der Kwast – der aus dem Roman, aber genauso der Autor – in Mumbai als jüngster von drei Söhnen. Aufgewachsen ist er in den Niederlanden, denn sein Vater ist Niederländer. Und der hat nichts zu melden neben seiner schwierigen, oft herrischen, schnell aufbrausenden Frau. Diese hat ihre eigene Sicht auf die Welt, will zum Beispiel nur selten etwas bezahlen und bemüht bei jeder Gelegenheit Vergleiche mit ihrer indischen Heimat, wo alles viel günstiger zu haben ist und generell alles einfach anders, eben besser abläuft. Ihr ältester Sohn Arshirwad ist geistig behindert, was seine Mutter nicht wahrhaben will. Wir lesen von den vielen Versuchen seiner Mutter, Arshirwad zu helfen, etwa von einer Reise nach Lourdes, wo sie hofft, ein Wunder zu erleben. Das Wunder bleibt aus, doch sie schafft es irgendwie, 6 Kanister Wasser mit nach Hause zu bringen, wo sie eisern Wasser spart.

Wer sich der „Mama Tandoori“ entgegenstellt, der wird von ihr eingeschüchtert oder mit teils kruder Argumentation niedergeredet, am Ende bekommt van der Kwasts Mutter immer, was sie will. Ihre Familie hat dabei die von ihr zugewiesenen Rollen zu spielen, was im Falle des Ehemanns hauptsächlich bedeutet, zu schweigen (später hat er Handwerkern und anderen Dienstleistern, die seine Frau nicht bezahlen wollte, das Geld heimlich hinter ihrem Rücken gegeben).

Van der Kwast schreibt oft sehr humorvoll und ironisch, und generell hat sein Roman einen lockeren Ton. Die Eigenarten der Mutter beschreibt er oft bissig-ironisch und pointiert. Das liest sich schnell weg, lässt auch immer wieder schmunzeln, geht aber nicht in die Tiefe. Seine Familiengeschichte bleibt recht oberflächlich, was vor allem daran liegt, dass er aus seinem manchmal durchaus witzig-absurden Leben eben hauptsächlich nacherzählt, dass er sich wenig Mühe macht, seinen Charakteren auch auf den Grund zu gehen. Dabei ist davon auszugehen, dass er Situationen und Begebenheiten ausgeschmückt und auf die Spitze getrieben hat, dass vor allem seine Mutter, die echte Mutter van der Kwasts überzeichnet ist. Gegen Überzeichnung ist erst einmal nichts einzuwenden, gegen Eindimensionalität aber schon. Mir hat vor allem das Verständnis, die Differenzierung im Hinblick auf seine Mutter gefehlt, die schon sehr schlecht wegkommt in „Mama Tandoori“. Und da die Roman-Mutter auf der echten Mutter basiert, hatte ich meine Probleme damit.

Gegen Ende des Romans besucht der Roman-Ernest in Indien die Schwestern seiner Mutter. Zwanzig Jahre war er nicht mehr dort. In der Schilderung der Begegnung mit diesen Schwestern habe ich zum ersten Mal das gefunden, was mir in der Geschichte zuvor so gefehlt hat: Das Innehalten im Bezug auf eine seiner Tanten, die seiner Mutter im Charakter so ähnlich ist, das Nachdenken darüber, was sie so hart und schwierig gemacht hat. Solch eine zweite Ebene, die etwas weiter in die Tiefe geht, hätte ich mir im Bezug auf die eigene Mutter und durchgängig im Roman gewünscht, eine Differenzierung auch ihres schwierigen Charakters, denn sicher steckt auch in „Mama Tandoori“ ein weicher Kern, den ich gern kennengelernt hätte. Womöglich war er da und ich habe ihn nur übersehen.

So war mir „Mama Tandoori“ insgesamt einfach leider zu dünn. Van der Kwasts Humor und seine Ironie haben mir durchaus gefallen, doch das allein reicht eben nicht aus. Womöglich ist das in seinen späteren Romanen, die sich nicht (oder nicht vordergründig) mit autobiographischen Stoffen beschäftigen, ja anders. Diesen Roman kann ich nur bedingt empfehlen.

Ernest van der Kwast: Mama Tandoori, btb Verlag, 2018, 240 Seiten

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