Weiterziehen – Hala Alyan: Häuser aus Sand

„Häuser aus Sand“, im Original „Salt Houses“, Titel des Debütromans der jungen palästinensisch-amerikanischen Autorin Hala Alyan, ist zugleich ein sehr passendes Bild, das im Prinzip zum kompletten Roman passt. Alle Protagonisten der Familie, die im Mittelpunkt des Romans steht, sind Heimatlose, die von Ort zu Ort ziehen, deren Häuser eben nur vorübergehend ihre sind.

Alyan, deren eigene Geschichte der ihrer Protagonisten nicht unähnlich ist – sie wurde zwar in den USA geboren, doch auch ihre Familiengeschichte ist von einer Art Ruhelosigkeit und vom Weiterziehen geprägt – erzählt eine Geschichte über Generationen hinweg. Sie beginnt in den 60er Jahren in Nablus, als Salma ihrer Tochter Alia, die bald heiraten wird, aus dem Kaffeesatz liest und ihr nicht die komplette Wahrheit über das, was sie sieht, sagen kann und will. Von hier aus verfolgt der Leser die Familie über vier Generationen hinweg und um die halbe Welt: nach Kuwait und Jordanien, aber auch in die USA und nach Europa.

Die Familienmitglieder müssen immer wieder umziehen, Alia und ihr Mann Atef ziehen nach Kuwait-Stadt, wo sie ihre drei Kinder großziehen, später dann während des Zweiten Golfkriegs müssen sie auch Kuwait verlassen, lassen sich in Amman nieder. In der Generation ihrer Kinder und vor allem Enkel setzt sich diese Art Heimatlosigkeit fort, auch sie leben an verschiedenen Orten, und manchmal quasi in verschiedenen Welten.

Alyans Roman ist eine ungeheuer lebendige Geschichte auch deshalb, weil kapitelweise aus der Sicht der Familienmitglieder erzählt wird, weil wir so von der unterschiedlichen Sichtweise der einzelnen Figuren lesen, weil wir sehr nah dran sind nicht nur am Geschehen, sondern auch Einblicke in die Gedanken und Gefühle der einzelnen Familienmitglieder erhalten. Dabei geht es einerseits um typische Konflikte zwischen den Generationen, wie es sie überall gibt, um Pubertät und Abnabelung, um Rebellion und den Wunsch, das eigene Leben ganz anders zu leben, als die Elterngeneration es getan hat – wobei es wenn auch nicht unerwartet, so dennoch erfrischend zu lesen ist, wie sich all dies wiederholt, aus den rebellischen Jugendlichen von einst irgendwann eben doch oft die besorgten Eltern von heute werden. Die Vorstellungen von einem erfüllten Leben unterscheiden sich teils drastisch: Während die eine Schwester beispielsweise ihre Zufriedenheit im Glauben sucht, sind es bei der anderen eher die „weltlichen Götter“, denen sie sich zuwendet.

Dennoch haben alle Figuren in Hala Alyans Roman eines gemeinsam: Die äußere Heimatlosigkeit setzt sich im Inneren fort, sie wissen nicht, wo sie hingehören, und dieses manchmal sehr diffuse Gefühl zieht sich durch die Generationen und wird weiter vererbt. Die Autorin zeigt sehr behutsam und eindringlich, dass Heimat nicht nur an einen Ort gebunden ist, dass es viel mehr ist, das uns das Gefühl von Zugehörigkeit, von Erdung gibt, dass sich dies in Gegenständen, in Alltäglichkeiten und vor allem in den Menschen wieder findet.

„Häuser aus Sand“ ist ein differenziertes Familienporträt, das dem Leser wie nebenbei verdeutlicht, was es bedeutet, wenn äußere Zwänge einen immer weiter treiben. Wie unterschiedlich Menschen versuchen, etwas oder auch jemanden zu finden, zu dem sie sich zugehörig fühlen, wie sie teils vielleicht auch überstürzt handeln, um Halt zu finden. So zieht es Familienmitglieder manchmal auch dann weit weg, wenn eben keine Notwendigkeit dazu besteht. Das zieht zwangsläufig immer wieder Konflikte nach sich.

Auch wenn „Häuser aus Sand“ eher konventionell erzählt ist und rein formal nicht besonders innovativ daherkommt, so ist der Roman dennoch ein eindringlicher und berührender, dabei stets realistischer Familienroman über Menschen ohne Heimat. Bevölkert mit überzeugenden, sehr menschlichen Figuren, die es doch bei aller Rebellion immer wieder zurück zu ihrer Familie zieht.

Hala Alyan: Häuser aus Sand, Dumont Verlag, 2018, 396 Seiten

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