Aus dem Leben eines stillen Superstars – Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

Eigentlich ist Haruki Murakamis Essaysammlung, die erstmals 2015 und in Deutschland 2016 erschien, keine Anleitung zum Bücher- bzw. Romaneschreiben, keine Guideline an angehende Autoren, obwohl man das denken könnte. Vielmehr ist der Band eine Mischung aus autobiographischen Texten und Beobachtungen des Literaturbetriebs und der Personen, die dort agieren.

„Von Beruf Schriftsteller“ gliedert sich in elf Kapitel, in denen der Autor sich verschiedenen Aspekten des Schriftstellerberufs nähert, und das stets in sehr persönlicher Weise. So sinniert er darüber, was Schriftsteller für Persönlichkeiten sind, welchen Stellenwert Literaturpreise haben und was es für ihn selbst bedeutet hat, den Akutagawa-Preis, einen Preis, der in Japan zweimal jährlich an Nachwuchsautoren vergeben wird, nicht bekommen zu haben. Er beteuert, dass ihm Preise gleichgültig sind, räumt aber auch ein, dass sie einem unbekannten Schriftsteller helfen können, Fuß zu fassen und dass auch er sich natürlich über einen solchen Preis freut. Er beschreibt seinen Tagesablauf, der einem strikten Schema folgt und welche Bedeutung für ihn körperliche Betätigung hat, die seiner Meinung nach wichtig für seine Arbeit als Schriftsteller ist. Er erzählt, wie umfangreiche Romane wie „1Q84“ oder „Mister Aufziehvogel“ entstanden sind, wie lange er in etwa für diese Werke benötigt hat, wie viele Überarbeitungsphasen es dabei gegeben hat.

Weiterhin erzählt Murakami davon, wie ihm immer wieder die gleichen Fragen gestellt werden, die einem als LeserIn und VerehrerIn seiner Romane tatsächlich zuweilen in den Kopf kommen: Sind seine Figuren von echten Personen inspiriert? Und warum eigentlich schreibt Murakami fast nie über Figuren, die in seinem Alter sind? Der Autor wundert sich über diese Fragen, beantwortet sie aber dennoch geduldig.

Sowieso sieht Murakami sich absolut nicht als typischen Schriftsteller: Er habe niemals einer sein wollen, eher zufällig sei er dazu geworden, als er bemerkte, dass er ein Talent für das Romaneschreiben besitze. Und ja, er scheue die Öffentlichkeit, es sei ihm lieber, seine Energie auf das Schreiben zu verwenden, als Interviews zu geben.

An einigen Stellen wendet er sich dann zwar doch an potentielle Schriftsteller, versucht sich in bisschen zaghaft an Ratschlägen, jedoch bleiben diese wenig konkret, ein Schema, an dem man sich hier abarbeiten könnte, ist „Von Beruf Schriftsteller“ also nicht.

Die Ausführungen des berühmten Autors sind sehr persönlich – vermutlich sind sie das Persönlichste, was Murakami bisher über sein Schreiben, aber auch über seine Person einer breiten Öffentlichkeit preisgegeben hat. Auffallend ist beim Lesen seiner Essays die Mischung aus einer tief sitzenden Bescheidenheit auf der einen Seite und einem großen Selbstbewusstsein auf der anderen, wobei er doch sehr häufig anmerkt, dass er eben nur für sich selbst spreche und keinesfalls für andere Schriftsteller, dass es nur um seine ganz eigenen, persönlichen Gewohnheiten und Ansichten gehe. Gerade, was diese häufigen Wiederholungen angeht, fühlte ich mich sehr an Murakamis jüngsten Roman „Die Ermordung des Commendatore“ erinnert, in dem sich der Erzähler sehr oft wiederholt (was vermutlich in den früheren Romanen ebenso ist, nur habe ich diese nicht mehr in gleicher Weise parat). Was im Roman als literarisches Stilmittel durchgehen mag, empfand ich hier manches Mal schlicht als überflüssig, das ist aber das Einzige, was ich an „Von Beruf Schriftsteller“ negativ zu kritisieren habe.

Zum Ende des Bandes erzählt Murakami davon, wie es für ihn war, ins Ausland zu gehen – inzwischen werden seine Werke in über fünfzig Sprachen übersetzt. Den Autor macht das stolz und glücklich, dennoch bezeichnet er sich als Schriftsteller, der sich „in der Entwicklung“ befindet. Für uns LeserInnen seiner Werke (tatsächlich halten sich Männer und Frauen in Murakamis Leserschaft zahlenmäßig ungefähr die Waage) ist das ein erfreulicher Ausblick auf weitere Romane, die er uns hoffentlich noch bescheren wird – ob nun mit oder ohne Literaturnobelpreis, für den er ja der ewige Kandidat zu sein scheint.

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller, btb Taschenbuch Verlag, 2018, 240 Seiten

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5 Antworten zu Aus dem Leben eines stillen Superstars – Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller

  1. Wortfieber schreibt:

    Ich bin ja ein großer Murakami Fan. Habe dieses Buch aber noch nicht gelesen, dies sollte ich mal nachholen. Schon in „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ erzählt er autobiografisches, nicht nur vom laufen sondern auch von schreiben, fand ich sehr interessant.
    Danke für diese Zusammenfassung.

    Liebe Grüße

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  2. thursdaynext schreibt:

    Irving , wie du weißt der von mir hochverehrte Meister äußerte sich ja über das Ringen und das Schreiben und das mit dem Schreiben ringen. Auch Neil Gaiman hat über das Schreiben geschrieben und fasziniert, Herr Murakami muss also auch noch her. Irgendwann. Was die Wiederholungen betrifft, wie alt ist Herr Murakami? ich merke, ich fange auch an mich zu wiederholen ;)
    Liebe Grüße und wunderschönes Wochenende

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