Das Geschlecht in der Kunst – Siri Hustvedt: Die gleißende Welt

Siri Hustvedt nennt die Heldin in ihrem 2014 erstmals erschienenen Roman „Die gleißende Welt“ Harriet Burden und wählt damit einen gleich in zweifacher Hinsicht sprechenden Namen. Zunächst einmal ist da die Assoziation zur Bürde, die die Heldin zweifelsohne trägt, und außerdem wird Harriet von ihren Freunden und Verwandten oft mit der maskulinen Version ihres Namens „Harry“ angesprochen, womit wir uns schon mittendrin befinden in diesem komplexen Roman.

Denn Harry ist Künstlerin, stand aber bis zu seinem Tod im Schatten ihres berühmten und sehr beliebten Mannes Felix, eines New Yorker Galeristen. Inzwischen lebt auch Harriet selbst nicht mehr, und ein Journalist möchte ein Buch über sie und ihr großes und ambitioniertes Kunstprojekt schreiben. Harriet hatte sich vorgenommen, der Kunstwelt ihre Frauenfeindlichkeit zu beweisen, indem sie drei männliche Künstler ihre Werke ausstellen ließ – unter deren Namen. Ein Projekt, das zunächst zu gelingen schien, aus dem etwas herzuleiten war, doch der letzte der drei, ein exzentrischer Typ, der sich schlicht „Rune“ nennt, machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

„Die gleißende Welt“ besteht aus unterschiedlichen Textsorten, aus denen sich die Geschichte fast collagenartig zusammensetzt. Es sind Interviews, Tonbandaufnahmen, schriftliche Berichte von Menschen, mit denen Harriet zusammengearbeitet hat oder die ihr nahestanden.  Ihre erwachsenen Kinder äußern sich zum Beispiel, doch auch Notizbücher der Künstlerin selbst tragen zur Geschichte bei. So erfährt der Leser nach und nach einerseits von Harriets Leben, mit und nach Felix, von ihrem Charakter, ihrer Lebenseinstellung, und auf der anderen Seite von dem großen Projekt, mit dem sie endlich aus dem Schatten des verstorbenen Mannes heraustreten wollte. Dabei gibt es aber auch immer Zweifel: Es gibt auch diejenigen, die glauben, dass Harriet log, als sie behauptete, die Werke der drei männlichen Künstler seien von ihr, und das ganze Projekt ein einziger großer Schwindel.

Als Leser braucht man zuweilen etwas Geduld, „Die gleißende Welt“ ist ein ambitioniertes Werk, das den theoretischen Diskurs nicht scheut. Die Erläuterungen, manchmal Abschweifungen, die teils auch in den umfangreichen Fußnoten weitergeführt werden, verlieren sich mitunter etwas zu sehr in der Theorie, zumindest, wenn man in der Kunstwelt nicht so sehr zu Hause ist, dass man diese Erläuterungen stets mitzugehen bereit ist. Ich habe diese Stellen teils als etwas trocken und zu lang empfunden.

Davon abgesehen ist „Die gleißende Welt“ aber ein überzeugender Roman, der viel über Genderthemen und die unterschiedliche Wahrnehmung und Behandlung von weiblicher und männlicher Kunst erzählt – ein hochaktuelles Thema, das sich auch auf andere Bereiche übertragen lässt. Hustvedt weiß, wovon sie schreibt, hat ihren Stoff stets im Griff und würzt ihren Roman sogar noch mit ein wenig Selbstironie. Sie zeigt ihre Hauptfigur mit allem Verständnis, offenbart ihre Schwächen, weiß auch treffend über die schwierige Ehe mit Felix zu berichten, der sie zwar geliebt, aber auch als selbstverständlich genommen zu haben scheint.

So hat sich die Lektüre von „Die gleißende Welt“ am Ende gelohnt, auch wenn der Roman nicht so eingängig daher kommt wie etwa ihre früheren Romane „Was ich liebte“ und „Der Sommer ohne Männer“. Für März 2019 sind ein neuer Roman sowie ein neuer Essayband bei Rowohlt angekündigt, auf beides freue ich mich bereits heute.

Siri Hustvedt: Die gleißende Welt, Rowohlt Verlag, 2015, 496 Seiten, als Taschenbuch: rororo, 2016, 496 Seiten

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