Sehnsuchtsort – Jalid Sehouli: Marrakesch

Jalid Sehouli wurde 1968 im Berliner Stadtteil Wedding geboren, er wuchs mit drei Geschwistern auf und machte früh eine Erfahrung, die die Weichen für seinen späteren Lebensweg stellen sollte: Nach einem Verkehrsunfall verbrachte er mehrere Monate im Krankenhaus, eine schmerzliche, aber auch prägende Zeit, denn er entdeckte, dass er Arzt werden wollte. Der Beruf des Arztes und auch der des Pflegers waren für ihn positiv besetzt, denn Ärzte machten Kranke gesund, so lernte der junge Jalid. Zwar gab es noch einige Hindernisse zu überwinden, bis der Sohn marokkanischer Einwanderer schließlich zum Medizinstudium zugelassen wurde. Inzwischen ist er ein anerkannter Krebsspezialist.

Auf den ersten Blick scheint dieses Bild nicht recht zu dem Autor des vorliegenden Bandes über „Marrakesch“ zu passen. Man stellt sich einen faktenorientierten Naturwissenschaftler vor, sein Buch ist aber sehr nachdenklich, tiefsinnig, manchmal direkt poetisch, wie geht das zusammen? Es geht sehr gut, wie wir auch durch die vielen eingeflochtenen Episoden aus seinem Berufsalltag lernen. Immer wieder erzählt der Arzt von Begegnungen mit seinen Patientinnen – Sehouli ist Experte für Eierstockkrebs – und der Leser spürt, wie sehr es ihm dabei um den einzelnen Menschen und seine Persönlichkeit geht.

„Marrakesch“ folgt keinem stringenten Aufbau, vielmehr scheint Sehouli sich beim Verfassen des Buches treiben lassen zu haben. Wenn der Leser zum ersten Mal die marokkanische Stadt zusammen mit dem Autor betritt, hat er schon fast das halbe Buch gelesen (das zugegebenermaßen eher ein schmales Bändchen von knapp 200 Seiten ist, wobei ein Drittel auf marokkanische Rezepte und ein Porträt des Autors fallen).

Es ist, als müsse Sehouli sich Marrakesch erst einmal von verschiedenen Seiten nähern, und er tut dies, indem er von Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen erzählt. Es sind Patienten, mit denen er, so scheint es, sogleich eine persönliche Ebene findet, für die er sich so aufrichtig interessiert, dass schnell eine Art freundschaftliches Verhältnis versteht. Es sind Kollegen, Doktoranden. Jemand, mit dem er im Zug ins Gespräch kommt. Sehouli scheint jemand zu sein, der so offen und ehrlich auf sein Gegenüber zugeht, dass wertvolle Begegnungen unkompliziert möglich werden. Und diese teilt er mit den Lesern seines Buches.

So ist Marrakesch zwar stets der Ort seiner Sehnsucht, eine Stadt, in die er jedes Jahr für den Rest seines Lebens zurückkehren möchte, eine Stadt, die für ihn magisch ist, in der er in besonderem Maße zu sich selbst findet. Man spürt, wie Marrakesch Sehouli berührt und glücklich macht, ahnt aber auch, dass wir es mit einer so persönlichen Beziehung zu tun haben, dass sie auf niemand anderen übertragbar ist. „Marrakesch“ ist kein Reiseführer, auch keine Kulturgeschichte Marokkos, auch wenn Sehouli natürlich einige geschichtliche und kulturelle Eckdaten nennt. Hinreisen möchte man dennoch, sich ein Bild machen von dieser Stadt, überprüfen, ob der von Sehouli besungene Zauber auch auf einen selbst wirkt.

Dennoch erscheint mir „Marrakesch“ in erster Linie eine Art alltagsphilosophisches Buch zu sein, auch wenn er das Rad nicht neu erfindet, sondern verdeutlicht, was man schon weiß. Das Besondere dabei ist seine so positive Einstellung, seine Offenheit, seine Bereitschaft, dem Leben offen und wagemutig zu begegnen, in dem sicheren Wissen, dass es auch Leid und Trauer bereithält. Vermutlich ist es auch diese Einstellung, mit der er seine Arbeit bewältigt: Mehrfach lesen wir von Gesprächen mit Patientinnen, deren Krebs nicht heilbar ist.

Sehouli zitiert Gedichte von Khalil Gibran und von Hermann Hesse, er scheut sich nicht, in einer Art poetisch zu werden, die mancher Leser sicherlich als kitschig empfinden wird. Man muss das mögen oder sich zumindest darauf einlassen wollen. „Marrakesch“ ist eine Aufforderung, ab und zu innezuhalten, sich dessen zu besinnen, was wirklich wichtig ist, seine Träume in die Tat umzusetzen. Ein kleines, feines Buch.

Jalid Sehouli: Marrakesch, Bebra Verlag, 2018, 176 Seiten

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