Unsentimentale Rückschau – Robert Seethaler: Das Feld

„Das Feld“, das ist der Friedhof des kleinen Ortes Paulstadt, und die, die in Robert Seethalers neuem Roman die Geschichte oder vielmehr die Geschichten erzählen, sind Tote. Begraben auf dem Friedhof, geht es um ihr Leben. Wo sie sind, wie es da ist, was es heißt, tot zu sein, davon erfährt der Leser nichts. Vielmehr fügen sich die vielen, unterschiedlichen Stimmen zu einem Ganzen, zu einer Art Chor, in der allerdings jede Stimme anders und doch gleich wichtig ist – auch wenn ihre Erzählungen sich in der Länge sehr unterscheiden.

Die Toten erzählen aus ihrem Leben, und das in unterschiedlichster Weise. Sie erzählen von ihren Liebsten, vom geliebten Partner oder vom Ehemann, der Ehefrau, die sie sehr oder eigentlich gar nicht geliebt haben. Vom Beruf, von Wünschen und Sehnsüchten. Die Kapitel sind nicht lang, und es ist jedes Mal wieder spannend zu sehen, was es letztlich ist, das als Quintessenz eines Lebens bleibt.

Es sind ganz normale Menschen, mit denen sich der Leser mal mehr, mal weniger identifizieren kann. Sie sind nicht berühmt und nicht reich, sie sind wie du und ich. Menschen mit ganz normalen Jobs, und auch der Bürgermeister und der Pfarrer kommen zu Wort. Ein Querschnitt durch die Paulstädter Bevölkerung. Alte und junge Menschen, Menschen, die an Krankheiten gestorben sind, Menschen, die einen tragischen Unfall hatten.

„Ich erinnere mich an die vielen Hände, die ich gedrückt, und an die wenigen, die mich gehalten haben.“ S. 106

Robert Seethalers neuer Roman „Das Feld“ ist meine erste Begegnung mit dem österreichischen Schriftsteller, von dem ich schon viel Gutes gehört habe. Und wahrscheinlich wird es nicht mein letztes Buch von ihm sein, denn Seethalers Roman ist in seiner unsentimentalen Einfachheit ganz wunderbar zu lesen. Nicht mit allen Protagonisten fühlt man sich gleich verbunden, doch lebendig, echt erscheinen sie alle. In ihren Lebensbeichten schwingt keine Reue mit, keine Rührseligkeit – da, wo sie ihre Geschichten erzählen, spielen diese Dinge keine Rolle mehr. Vielmehr scheinen sie von dem Drang getrieben, ihr Leben so zu erzählen, wie es nun einmal war. Durch diese Schlichtheit, durch das Nebeneinanderstellen all dieser so unterschiedlichen Lebensgeschichten erhalten sie alle eine ihnen gebührende Wichtigkeit. Und so einfach ihr Leben auch gewesen sein mag, sie haben es nun einmal gelebt, so und nicht anders. Welchen Sinn hätte da Reue?

Da, wo die Toten sich gegenseitig erwähnen, wo sie sich kannten, flüchtig oder sehr gut, fügt sich die Geschichte umso mehr zu einem schlüssigen Ganzen. Besonders schön ist hier zu sehen, wie unterschiedlich das gemeinsame Leben manchmal dargestellt wird. Wie sehr sich das eigene Empfinden von dem des anderen unterscheiden kann.

Man kann bei der Lektüre des Romans nicht umhin, zu überlegen, was es wohl wäre, das man selbst erzählen würde, am Ende seines Lebens, müsste man sich auf wenige Seiten, auf eine Geschichte beschränken. Auch, wenn das eigene Leben noch nicht zu Ende gelebt ist, so lädt Seethaler doch dazu ein, es zumindest bis hierhin einmal aus einer Art Distanz anzuschauen. Was ist wichtig? Was bleibt am Ende?

„Es stirbt sich mit hundertfünf genauso wie mit fünfundachtzig oder mit zweiunddreißig, und der Preis für so ein langes Leben ist Einsamkeit. Der Tod bleibt sich für alle gleich. Nur die, die am Grab stehen, wissen das noch nicht.“ S. 180

Seethalers Roman ist, obwohl von Toten erzählt, letztlich dann doch immer ein Buch über das Leben. Darüber, wie vielfältig es sein kann, darüber, dass man immer noch etwas ändern kann, auch im hohen Alter noch. Darüber, wie schnell es wieder vorbei ist. Seethalers Sprache ist leichtfüßig und schlicht, sein Roman dennoch sehr nachdenklich und berührend. Ein wunderbares Buch.

„Als Lebender über den Tod nachdenken. Als Toter vom Leben reden. Was soll das? Die einen verstehen vom anderen nichts. Es gibt Ahnungen. Und es gibt Erinnerungen. Beide können täuschen.“ S. 234

Robert Seethaler: Das Feld, Hanser Berlin Verlag, 2018, 24 Seiten

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Eine Antwort zu Unsentimentale Rückschau – Robert Seethaler: Das Feld

  1. Mikka Liest schreibt:

    Hallo,

    das Buch möchte ich auf jeden Fall noch lesen. Es ist mir in der Vorschau direkt aufgefallen als „must read“, und nach deiner Rezension möchte ich es jetzt nur noch mehr lesen.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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