Geschwür – Fuminori Nakamura: Die Maske

Im Leben eines Viellesers können plötzlich Zeiten anbrechen, in denen das Lesen nicht zufriedenstellt, wie gewohnt, in der kaum ein Buch das richtige zu sein scheint, in der sich kein Lesesog einstellen mag. So geht es mir seit einigen Wochen. Auch wenn ich gute Bücher gelesen und hier vorgestellt habe, es flutscht nicht wie gewohnt. Was also tun? Natürlich kann man das Lesen einfach einstellen, unwahrscheinlich, dass die Leselust dauerhaft abwesend bleiben wird. Man kann sich aber auch anderen Themen, anderen Genres, schlicht anderen Büchern widmen, als man sonst liest. Obwohl Fuminori Nakamuras „Die Maske“ kein völlig anderes Genre bedient als ich sonst konsumiere, so fällt der Roman doch nicht gänzlich in das Schema eines Romans, bei dem ich immer und quasi blind zugreife. Und auch, wenn gewisse Parallelen zu Haruki Murakami, den ich zu meinen Lieblingsautoren zähle, nicht von der Hand zu weisen sind und Nakamura mich durchaus ein- oder zweimal an den großen Schriftsteller erinnerte, so ist „Die Maske“ kein typisches Buch für mich und meine Lesevorlieben. Ein Experiment, das gut gehen kann – oder eben auch nicht.

Ob es gutgegangen ist, kann ich nicht einmal genau sagen, denn „Die Maske“ lässt mich zwiegespalten zurück. Nakamuras Roman ist düster und wartet mit einigen Charakteren auf, die schlicht „böse“ sind. Ambivalent und dadurch interessant gestaltet sich die Hauptfigur: Fumihiro Kuko ist der jüngste Sohn eines Vaters, dessen andere Kinder so alt sind, dass sie das Haus bereits verlassen haben, als Fumihiro geboren wird, er kennt seine Geschwister nicht einmal. Als er elf Jahre alt ist, lässt sein Vater ihn wissen, dass er ihn zu einem bestimmten Zweck gezeugt hat: Fuihiro soll ein Geschwür werden, er soll das Böse in die Welt bringen. Und der Vater kündigt an, dass er ihm die Hölle zeigen will, sobald er vierzehn ist.

Fumihiro sträubt sich. Eigentlich ist er noch zu jung, um sich gegen den mächtigen Vater behaupten zu können, der keine Skrupel zu haben scheint, doch versucht er alles, um die Pläne des Vaters zu durchkreuzen. Freude und Glück erfährt der Junge durch Kaori, ein Waisenmädchen, das seine Familie adoptiert hat. Kaori lebt im Haus der Kukos und freundet sich mit Fumihiro an, der sich in sie verliebt. Doch Kaori ist in Gefahr. Fumihiro muss sich seinem eigenen Vater entgegenstellen, vielmehr noch, er muss ihn aus dem Weg räumen, um Kaori zu retten. Dies wird zu seiner Lebensaufgabe.

„Die Maske“ ist ein dramatischer Roman, der in ein dunkles Milieu führt, in dem vor allem Skrupellosigkeit vorherrscht, in dem auch, so das Gefühl bei der Lektüre, die Grenzen von Realität und Übersinnlichem zu verschwimmen scheinen, obwohl keine übersinnlichen Dinge geschehen. Dabei wird Einiges nicht weiter erläutert, sondern als gegeben hingenommen, es bleibt im Dunklen, was den Eindruck noch verstärkt. Es geht um Profit und Macht, es geht darum, zu seinem eigenen Vorteil über Leichen zu gehen und sich nicht mit Mitleid oder Menschlichkeit gegenüber Opfern, gern auch mal Menschen, die einem schlicht zufällig im Weg sind, lange aufzuhalten. Das gehört wohl zu dieser Art Geschichte dazu, und sie ist sicher auch nur so denkbar, dennoch war mir dies manchmal etwas zu dick aufgetragen.

Dabei stellt Nakamura große Fragen: Darf man jemanden umbringen, wenn es für eine gute Sache ist, wenn man andere dadurch rettet und es offenbar keine andere Möglichkeit für diese Rettung gibt? Und ist es möglich – selbst wenn eine solche Tat einen „guten“ Hintergrund hat – mit den Folgen dieser Tat zu leben? Mit der Schuld, mit dem Wissen, dass man ein Leben aktiv beendet hat? Es ist Fumihiros Vater selbst, der seinem Sohn prophezeit, dass ein Mord ihn unwiederbringlich verändern wird. Ihn, der eigentlich ein guter Mensch sein will. Der Roman arbeitet sich auch an der Frage ab, ob der Vater mit seiner Behauptung Recht hat.

Sprachlich macht Nakamura meiner Meinung nach nicht viel her, sein Stil ist einfach und unspektakulär. Er lässt mich nicht innehalten, weiterlesen möchte man die Geschichte aber dennoch. Wir folgen Fumihiro auf seinem Weg, immer im Versuch, Kaori, seine große Liebe zu beschützen. Und er begegnet vielen Schwierigkeiten auf diesem Weg.

„Die Maske“ wird Lesern, die düstere, bedeutungsschwangere Geschichten um Gangster und Parallelwelten mögen, sicher ein paar spannende Stunden bescheren. Nakamura hat ein spannendes, in sich schlüssiges Buch geschrieben, das nicht recht zu mir gepasst hat, zu einseitig waren mir die „Bösen“, zu deprimierend vielleicht auch, was sie mit ihrer Weltsicht implizierten, zu einfach die Sprache. Gut unterhalten hat er mich trotzdem. In Japan, wo Nakamura sehr erfolgreich ist, soll „Die Maske“ in diesem Jahr in die Kinos kommen – ein Stoff, der sich sicher sehr gut für eine Verfilmung eignet.

Fuminori Nakamura: Die Maske, Diogenes Verlag, 2018, 352 Seiten

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3 Antworten zu Geschwür – Fuminori Nakamura: Die Maske

  1. Wortfieber schreibt:

    Ich mochte das Buch sehr. Selbst die „Gangster“ Passagen. Was eher untypisch für mich ist 😂. Liebe Grüße

    Gefällt mir

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