Das Erbe von Türken und Armeniern – Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul

Mit ihrem Roman „Der Bastard von Istanbul“ der im Original 2006 und in Deutschland erstmals 2008 erschien, greift die türkische Erfolgsautorin Elif Shafak ein in ihrer Heimat heikles Thema auf: Das Verhältnis zwischen den Türken und den Armeniern. Belastet ist es bekanntlich aufgrund des Völkermords an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, der von den meisten Ländern als solcher anerkannt wird, während die Türkei die Deportationen als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahmen“ bezeichnet und ein angemessenes Gedenken, das die Armenier fordern, verweigert (so Wikipedia).

Shafak arbeitet ihr großes und schweres Thema an den „kleinen Leuten“ ab: In Istanbul lebt die Familie Kazanci – und zwar ganz ohne Männer. Vier Schwestern, sehr unterschiedlich, wohnen unter einem Dach, eine von ihnen sehr religiös, eine bezeichnet sich selbst als Agnostikern, trägt kurze Röcke, arbeitet in einem Tattoostudio. Zwei irgendwo dazwischen. Eine noch verheiratet, doch schon lange von ihrem Mann getrennt. Zusammen mit ihrer Mutter und der in den letzten Jahren dement gewordenen alten Petite-Ma, deren Verwandtschaftsverhältnis zu den anderen sich dem Leser erst nach und nach offenbart, teilen sie sich eine Wohnung. Asya ist die jüngste der Frauen, gerade 19, und die Tochter einer der Schwestern. Nie hat diese jemandem verraten, wer Asyas Vater ist, auch Asya weiß es nicht. Auf den Männern der Familie scheint ein Fluch zu liegen: Sie sterben früh. Eigentlich gibt es noch einen Bruder, doch Mustafa lebt seit 20 Jahren in den USA und hat seine Heimat nie besucht, seitdem er sie verlassen hat. Er ist glücklich mit der Amerikanerin Rose verheiratet, die eine Tochter mit in die Ehe brachte: Armanoush ist das Kind eines armenischen Vaters.

Als Armanoush beginnt, sich ernsthaft für ihre armenischen Wurzeln zu interessieren, beschließt sie, Mustafas Familie in Istanbul zu besuchen. Sie möchte wissen, wo ihr Stiefvater herkommt, was seine Schwestern über die türkisch-armenische Geschichte denken. Sie findet eine Familie voller Herzlichkeit und Gastfreundschaft vor und freundet sich schnell mit Asya an: Beide treibt auf unterschiedliche Weise die Frage um, wo sie eigentlich herkommen.

„Der Bastard von Istanbul“ ist ein Roman voller Leben und voller liebenswerter, manchmal skurriler Charaktere, die man als Leser gleich ins Herz schließt. Shafak zeichnet die türkischen Frauen und ihre Eigenheiten mit viel Charme und Eigensinn. Sie selbst schreibt im Vorwort davon, dass sie eine Geschichtenerzählerin ist, und der Roman beweist das: Es ist eine farbenfrohe, prall gefüllte Geschichte voller Leben, voller Liebe und Zuneigung, wenn auch Trauer und Schicksalsschläge die Familie nicht verschonen. Auch ein lang gehütetes Familiengeheimnis darf nicht fehlen und strebt an die Oberfläche. Die Art und Weise, wie die Autorin das ganze Panorama ihrer Geschichte und ihrer Figuren, zu denen noch einige mehr dazukommen, als die bereits erwähnten, miteinander verwebt, trägt dazu bei, dass man in ihr Buch komplett eintauchen kann und die Seiten nur so dahinfliegen.

Einige Wendungen sind dabei vielleicht ein wenig vorhersehbar und manche Zusammenhänge erscheinen doch arg konstruiert, das ist aber zu verschmerzen. „Der Bastard von Istanbul“ ist ein spannender Schmöker. Die Autorin musste sich in der Türkei vor Gericht wegen „Beleidigung des Türkentums“ verantworten, bis zu 3 Jahre Gefängnis stehen darauf. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt, so dass wir hoffentlich noch viel von Elif Shafak hören bzw. lesen werden.

Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul, Kein & Aber Taschenbuch Verlag, 2015, 464 Seiten

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2 Antworten zu Das Erbe von Türken und Armeniern – Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul

  1. Wissenstagebuch schreibt:

    Ich habe vor einiger Zeit auch mein erstes Buch von Shafak gelesen: ,,Der Geruch des Paradieses“. Ich fand Sprache und Themenwahl großartig; die Handlung, wie du es hier beschreibst, manchmal etwas konstruiert. Dennoch eine tolle Autorin, deren hier vorgestellten Buch gerade nach meinem Armenien-Besuch garantiert bald ins Bücherregal einzieht. Vielen Dank für den Tipp!
    Viele Grüße
    Jana
    PS: Anbei bei Interesse der Link zu meiner Shafak-Besprechung: https://wissenstagebuch.com/2018/03/21/elif-shafak-der-geruch-des-paradieses-2016/

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe bisher glaube ich vier Bücher von ihr gelesen, mein Favorit bisher war „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“. Das von Dir besprochene ist auch noch dran und kommt ja auch schon bald ein neues… Viele Grüße!

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