Ohnmacht – Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat

Der „Mercy Seat“ bezeichnet auf der einen Seite den Thron Gottes im Himmel, wobei das Wort sich laut Wikipedia vom deutschen Wort „Gnadenstuhl“ ableitet, andererseits versteht man darunter den Elektrischen Stuhl. Es ist zumindest bemerkenswert, wie hier die Gnade mit einem Todesurteil in Zusammenhang gebracht wird.

In Elizabeth H. Winthrops Roman „Mercy Seat“ steht dieser Stuhl im Mittelpunkt und er wird auch als genau das, was er ist, immer wieder in Szene gesetzt. Ein Stuhl, der so normal aussieht, dass es schwerfällt zu glauben, dass auf ihm sehr bald ein junger Schwarzer hingerichtet werden soll. Will wartet seit seiner Verurteilung vor einigen Monaten auf den Tag, an dem es so weit sein wird. Beschuldigt der Vergewaltigung an der jungen Grace, einer Weißen, die sich kurz, nachdem ihr Vater sie und Will in flagranti ertappt hatte, umgebracht hat. So kann sie nicht mehr bestätigen, was Will in der Gerichtsverhandlung vergeblich beteuert hat: Dass es einvernehmlicher Sex, dass es Liebe war.

Es sind die 40er Jahre in Louisiana, und wir befinden uns in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft. Wills Urteil stand von vornherein fest, obwohl alle wissen, dass es ein Skandal ist. Er hat es akzeptiert und hat resigniert, wünscht sich nur noch, dass es endlich vorbei sein möge.

Winthrop erzählt ihre Geschichte aus vielen Perspektiven, in sich sehr häufig abwechselnden, kurzen Kapiteln. Da ist der junge Lane, selbst Gefängnisinsasse, der mit einem Aufseher den Stuhl in die Stadt bringt. Der selbst jemanden umgebracht hat, aber er ist weiß, und so hat er eine Freiheitsstrafe bekommen. Wir lesen von Wills Eltern, in tiefer Verzweiflung über den gewissen baldigen Verlust des Sohnes, gegen den sie machtlos sind. Da ist Polly, der Staatsanwalt, der das Urteil herbeigeführt hat, unter Druck gesetzt von eine Gruppe von Männern, die keinen Zweifel daran lassen, dass sie Will sterben sehen wollen und die nicht davor zurückschrecken, Polly unter Druck zu setzen, indem sie damit drohen, seinem Sohn Gabe etwas anzutun. Und wir lernen Dale und Ora kennen, deren Sohn wiederum in den Krieg gezogen ist, und die in ständiger Angst leben, er könnte nicht zu ihnen zurückkehren. Schließlich spielt auch Hannigan, der Pastor, eine wichtige Rolle in Winthrops Roman.

All diese Menschen sind beeinflusst vom Geschehen um Will, sind erschüttert, verängstigt, verwirrt. Sie sind, wie Winthrop schlüssig herausarbeitet, das Ergebnis ihrer Erziehung, ihrer Zeit, von Umfeld und Milieu. Sie sind verzweifelt, ohnmächtig. Der Autorin gelingt es sehr gut, darzustellen, was in ihren Figuren vorgeht, sie lässt den Leser sehr nah an sie und ihre Nöte herankommen. Sie zeigt vor allem auch, wie schwer es für sie ist, etwas zu ändern, wie tief der Rassismus in den Köpfen der Menschen verankert ist. Wie ohnmächtig sie teilweise sind, weil Verhaltensmuster und Einstellungen so festsitzen, weil die Macht einiger weniger einfach zu groß ist, als dass eine Veränderung möglich wäre.

Auffallend ist, dass in Winthrops Roman gleich mehrere Söhne eine wichtige Rolle spielen, dass bis auf Grace, die zu Beginn des Romans schon nicht mehr lebt, nur junge Männer, aber eben keine jungen Frauen auftreten. Junge Männer, die verloren zu sein scheinen: der eine fort von zu Haus im Krieg, der zweite gerät zwischen die Fronten, da sein Vater der Staatsanwalt ist, und der selbst überhaupt nicht weiß, was er von der Hinrichtung halten soll, der dritte Will selbst, wartend auf die Vollstreckung seines Todesurteils. Verlorene, fast noch Kinder.

„Mercy Seat“ ist ein bedrückendes Buch, das dürfte niemanden überraschen. Winthrop schreibt sehr eindringlich und unmittelbar, in einfacher und schnörkelloser Sprache, verstärkt dadurch, dass sie die Geschichte im Präsens erzählt. Und natürlich macht sie mit ihrem Roman auch darauf aufmerksam, dass der Rassismus in den USA (und anderswo) noch längst nicht überwunden ist. Das kann deprimieren, weil sich so wenig zu ändern scheint. Dennoch lohnt es sich, immer wieder darauf hinzuweisen.

Elizabeth H. Winthrop: Mercy Seat, C.H. Beck Verlag, 2018, 251 Seiten, 22 Euro

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