Zurück und doch vorwärts – Amy Liptrot: Nachtlichter

Auf den Orkneyinseln scheint die Zeit etwas langsamer zu vergehen. Es ist eine raue Landschaft, und das Leben muss sich den Naturgesetzen unterordnen. Amy Liptrot ist hier aufgewachsen, zusammen mit einem Vater, der eine bipolare Störung hat, was das Familienleben stets bestimmte. Liptrot zieht es früh weg, nach London, sie möchte etwas erleben, versucht, als Journalistin Fuß zu fassen. Vor allem wird ihr Leben aber bald von ausufernden Partys und viel Alkohol bestimmt. Ungefähr ein Jahrzehnt lang lebt Liptrot dieses Leben, schlittert in eine handfeste Sucht. Sie lernt jemanden kennen, verliebt sich, doch ihr Freund findet ihre Unberechenbarkeit und Aufgedrehtheit nur anfangs anziehend. Sie versucht, vom Alkohol loszukommen, versucht, die Beziehung zu retten, beides gelingt nicht. Letztlich beschließt sie, an einem 12-Punkte-Programm teilzunehmen, um es endgültig zu schaffen, trocken zu werden. Und sie kehrt auf die Orkneyinseln zurück.

„Nachtlichter“ ist Amy Liptrots Beschreibung und Aufarbeitung ihres Lebens. Schonungslos offen erzählt sie von ihrem Leben in London, von dem, was der Alkohol mit ihr gemacht hat, wie er sie verändert hat. Sie versucht, zu erklären und dabei letztendlich selbst zu verstehen, wieso sie überhaupt süchtig wurde, warum sie so oft und exzessiv zur Flasche griff. Schaut dabei noch einmal auf ihre Kindheit, die Krankheit des Vaters, die Ehe der Eltern. Sie sucht die Schuld nicht bei anderen, sie weiß, für ihre Sucht ist sie ganz allein verantwortlich. Diese Passagen sind sehr aufschlussreich und lassen ihre Krankheit gut nachempfinden, zumal man grundlegende Wünsche und Bedürfnisse und auch die Reaktionen darauf nachvollziehen kann, selbst wenn man selbst keine Suchtgeschichte hat.

Das Besondere an Liptrots Memoir ist die Verschränkung der Schilderung von Sucht und Heilung, um die es letztlich in „Nachtlichter“ geht, mit der Beschreibung ihres erneuten Lebens auf den Orkneyinseln. Um wirklich trocken zu werden, muss Liptrot ihr Londoner Leben hinter sich lassen. Und so kehrt sie zurück, beobachtet Vögel, zieht im Winter in ein noch einsameres, noch abgelegeneres Haus, und ist so in extremer Weise auf sich selbst zurückgeworfen. Auf ihre Gedanken und Gefühle. Sie schließt sich einer Gruppe an, die bei jedem Wetter im Meer schwimmt und sucht am Himmel nach den Nordlichtern. Den Leser lässt sie an all dem teilhaben. So entsteht diese wunderbare, wenn auch etwas karge Landschaft vor den Augen des Lesers und man spürt, welche Wirkung das zurückgezogene Leben auf Liptrot dort hat und wie sie viel über sich selbst lernt.

Natürlich kann auch die Natur der Orkneyinseln Liptrot nicht einfach von ihrer Sucht heilen. Sie macht sehr deutlich, wie schwierig es ist, von der Flasche loszukommen. Wie sehr sie sich manchmal ganz plötzlich ein Bier wünscht, das einen schönen Tag krönen würde, wie oft sie sich selbst sagen muss, dass es andere Möglichkeiten gibt, sich etwas Gutes zu tun. Alkoholiker ist man sein Leben lang, und auch wenn es einfacher wird, so muss man doch immer auf der Hut sein.

Seine stärksten Momente hat Amy Liptrots „Nachtlichter“ für mich immer dann, wenn das Leben und die Natur der Orkneyinseln, die Pflanzen und Tiere, die dort heimisch sind, wenn die Autorin dies mit ihrem Leben, ihrer Sucht und ihren Gedanken und Gefühlen in Beziehung setzt. Wenn beim Lesen deutlich wird, auf welche Weise dieser abgeschiedene Ort beim Heilen helfen kann. Und so deutlich wird, dass sie zwar zurückgeht an den Ort ihrer Kindheit, dass dies aber kein Rückschritt ist, sondern ein Schritt vorwärts.

„Nachtlicher“ ist eine lesenswerte Bestandsaufnahme vom Leben mit und vom Kampf gegen eine Sucht, die durch ihre mutige Offenheit berührt und nachdenklich macht. Und es ist eine Verneigung an die Natur, die uns helfen kann, uns selbst wiederzufinden, wenn wir in ihr innehalten. Auf dem Feinen Buchstoff, Zeichen und Zeichen und Literaturleuchtet gibt es schon sehr schöne Besprechungen, denen eigentlich gar nichts hinzuzufügen ist.

Amy Liptrot: Nachtlichter, btb Verlag, 2017, 352 Seiten

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