Vom Wunsch, dazu zu gehören – Emily Fridlund: Eine Geschichte der Wölfe

„Was ist der Unterschied zwischen dem, was man glauben will, und dem, was man tut?“ S. 323

Linda ist 15, ein einsamer Teenager in Minnesota, ein Mädchen ohne Freunde. Das Verhältnis zu ihren Eltern ist nicht ganz einfach. In der Schule gibt es seit kurzem einen neuen Lehrer, der in die Kleinstadt versetzt wurde, er hat sich an seiner letzten Schule etwas zuschulden kommen lassen, von dem zunächst niemand weiß. Linda beobachtet sowohl Mr. Grierson als auch all die anderen Menschen in ihrem Umfeld genau. So auch das Paar, das mit seinem kleinen Sohn in das Sommerhaus am See einzieht, in der Nähe von Lindas Zuhause und dessen Babysitter sie bald wird. Patra, die Mutter von Paul, ist die meiste Zeit allein mit dem Jungen, bis sich ihr Ehemann Leo ankündigt und Linda zunächst nicht mehr gebraucht wird, sich wie ausgeschlossen fühlt, bis zu dem Tag, an dem sie sie mit auf einen Wochenendtrip nehmen, nach dem sich das Leben aller verändern wird.

Es ist eine zunächst etwas sperrige Geschichte, die Emily Fridlund in ihrem Debütroman „Eine Geschichte der Wölfe“ erzählt. Als Leser braucht man ein bisschen Geduld, bis sich der Roman einem öffnet und man begreift, worum es eigentlich geht – und es geht um viel. Linda, oder Madeleine, wie sie auch manchmal genannt wird, erzählt aus der Ich-Perspektive, macht viele Andeutungen, wirft dem Leser Brocken ohne Erklärung hin, wechselt zwischen Orten und springt auch zeitlich immer wieder hin und her. Zum Zeitpunkt, als sie die Geschichte erzählt, ist sie bereits Mitte 30 und die Geschehnisse liegen längst in der Vergangenheit, jedoch wird in jeder Zeile deutlich, dass sie sie geprägt haben. Nicht nur durch die unmittelbar erzählten Geschehnisse, auch durch die Schilderung ihres späteren Lebens. Und dann ist da noch das, was nicht direkt dasteht, sich aber den Weg heraus bahnt zum Leser aus dieser so kraftvollen Geschichte, die mich sehr begeistert hat.

Fridlund schafft in kürzester Zeit eine stimmungsvolle Atmosphäre, die voller sinnlicher Eindrücke ist. So ist es fast immer sehr heiß oder sehr kalt, die Natur beherrscht das Leben der Einwohner der Kleinstadt, in der Linda lebt. Die Stimmung ist dabei stets etwas unheilvoll, von Beginn an spürt der Leser, dass etwas geschehen wird. Etwas Erschütterndes. Obwohl – oder gerade weil – Fridlund es ihren Lesern nicht ganz leicht macht, spürte ich von Beginn an einen sehr starken Sog bei der Lektüre des Romans.

Linda ist ein sehr starker Charakter, sehr eigenwillig und manchmal sehr unfreundlich und zickig. Womöglich ist ihr zuweilen etwas störrisches Wesen ein Mitbringsel aus ihrer Kindheit, die sie in einer Art Kommune verbrachte, die sich aber schon lange aufgelöst hat. Ihre Eltern haben die Grundsätze dieses Lebens nicht gänzlich ablegen können und sind nicht in der Lage, Linda zu geben, was sie braucht. Sie ist eine Außenseiterin und hat gelernt, allein zurechtzukommen. Linda eckt an, sie ist nicht wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler.

So erzählt „Eine Geschichte der Wölfe“ in gewisser Weise mehrere Geschichten auf einmal. Im Zentrum geht es um den kleinen Paul, auf den Linda aufpasst, und seine Eltern, um das Unheilvolle, das sich von Anfang an ankündigt. Fridlund gelingt es sehr gut, hier Spannung aufzubauen, sie löst widersprüchliche Gefühle aus, wenn man gleichzeitig wissen und nicht wissen will, worauf es mit der etwas merkwürdigen Familie hinauslaufen wird. Auf der anderen Seite geht es vor allem um Linda selbst, um ihre Entwicklung, um ihren Charakter und darum, warum sie so ist, wie sie eigentlich ist.

Es ist schwierig, diesen Roman einzufangen, ihm gerecht zu werden, zumal „Eine Geschichte der Wölfe“ wieder einmal eines dieser Bücher ist, über die man eigentlich im Vorfeld gar nicht so viel wissen sollte. Fridlund hat einen Roman der großen Fragen geschrieben. Einen Roman über Schuld, Loyalität und Verantwortung. Darüber, etwas zu tun oder es zu unterlassen. Lest „Eine Geschichte der Wölfe“. Es lohnt sich. Es ist ein ungeheuer kraftvoller und atmosphärisch dichter Roman in einer einfachen und doch starken Sprache, der seine Leser zuweilen ein wenig verwirren mag, aber nie droht, zu zerfasern. Ein Roman, in dem noch einmal genauso viel zwischen den Zeilen zu stehen scheint. Emily Fridlund gehörte mit ihrem Roman zu den Finalisten des Booker Prize 2017. Und das völlig zu Recht.

Emily Fridlund: Eine Geschichte der Wölfe, Berlin Verlag, 2018, 384 Seiten

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2 Antworten zu Vom Wunsch, dazu zu gehören – Emily Fridlund: Eine Geschichte der Wölfe

  1. Xeniana schreibt:

    Klingt nach einem guten Buch

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