Abgesang – Evelyn Waugh: Lust und Laster

Seit einigen Jahren ist der Trend zu beobachten, dass in Vergessenheit geratene Romane aus dem letzten Jahrhundert aus der Versenkung geholt und neu aufgelegt werden, bzw. dass Werke von durchaus präsenten Autoren, die inzwischen etwas Staub angesetzt haben, neu herausgegeben werden. Seit einigen Jahren erscheinen die Romane des britischen Schriftstellers Evelyn Waugh (1903 – 1966) im Diogenes Verlag in neuer Übersetzung.

„Lust und Laster“, der im Original im Jahr 1930 erschienene zweite Roman des Autors, ist meine erste Begegnung mit dem Werk Waughs überhaupt. In ihm begegnen wir Adam Symes, einem jungen Mann, der nie Geld hat, aber auch nicht wirklich Lust, dafür zu arbeiten. Seine wiederkehrenden Gespräche mit Nina Blount, oft am Telefon (laut Aussage Waughs war dies einer der ersten Romane überhaupt, in dem Telefongespräche einen großen Platz einnahmen) ziehen sich durch den Roman. Sie wollen heiraten, jedoch gibt es da zwei Hindernisse: Adams chronische Geldlosigkeit auf der einen und Ninas Vater Colonel Blount, der die Verbindung gutheißen soll, auf der anderen Seite. Waugh aber beschreibt dies nicht als romantisch-konventionelles und dabei einerseits gefühlvolles und andererseits sehr ernstzunehmendes Unterfangen. Nein, Adams und Ninas Ton ist stets schlicht und lapidar, lässt eine Eheschließung als alltäglich erscheinen – wie man sie andererseits ja, einmal nüchtern betrachtet, ja auch sehen kann.

Diese zentrale Geschichte um Adam, Nina und ihren Vater, Colonel Blount, mit dem Adam ein paar herrlich-absurde und äußerst komische Begegnungen hat, illustriert schon gut, in welchem Ton Waughs ganzer Roman gehalten ist. Seine Geschichte trieft nur so vor Ironie. Der Autor führt eine ganze Gesellschaft vor, die in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts eigentlich nichts anderes zu tun hat, als sich möglichst viel zu amüsieren und – der Eindruck muss zwangsläufig entstehen – nicht zu viele Gedanken an ernste Themen zu verschwenden, möglichst nicht zu viel Zeit auf Arbeit und Geldverdienen zu verwenden. Der Erste Weltkrieg ist noch nicht allzu lang her, der Zweite scheint sich schon am Horizont abzuzeichnen, das mag bei den Protagonisten des Romans zu einer Stimmung des Fatalismus beitragen.

Neben Adam und Nina treten dabei noch zahlreiche weitere Personen auf, die es mir zuweilen schwer fiel, auseinander zu halten, erscheinen sie doch oft nur kurz, um bald wieder zu verschwinden. Auch die Schauplätze wechseln oft. „Lust und Laster“ besteht zum Großteil aus Dialogen, die stets sehr schnell und spritzig daherkommen und vor Situationskomik nur so sprühen und die es eine Freude ist, zu lesen. Waugh gelingt es sehr gut, diese Spaßgesellschaft vorzuführen und zu kritisieren. So war meine erste Begegnung mit dem Schriftsteller eine positive, wenn ich auch nicht weiß, ob mir dieser Roman lang in Erinnerung bleiben wird.

Evelyn Waugh: Lust und Laster, Diogenes Verlag, 2015, 288 Seiten, als Taschenbuch Diogenes Verlag 2018, 288 Seiten

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4 Antworten zu Abgesang – Evelyn Waugh: Lust und Laster

  1. Scherbensammlerin schreibt:

    Mich hat zuerst stutzig gemacht, dass Evelyn ein Männername ist. Es ist auch kein Pseudonym. Zu der Zeit war es wohl einfach normal.

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  2. Bri schreibt:

    Waugh ist großartig, wobei er wohl menschlich nicht … ganz einfach war … aber wir sprechen ja über seine Bücher;) Ich habe ihn vor Jahrzehnten mit Bridesheac Revisited – verfilmt mit Jeremy Irons – entdeckt und seither nach und nach gelesen. Die Neuübersetzungen, ich glaube, es sind auch Neuübersetzungen dabei oder irre ich? – sind toll. Ich liebe Waugh. Und was er da macht, ist die typisch englische Art der gesellschaftlichen Kommunikation auf die Schippe zu nehmen … vergleichbar mittlerweile für mich mit St. Aubyns Melrose-Zyklus. Diese Art der Kommunikation scheint in gewissen Kreisen ein Muss zu sein, auch heute noch … Schön, dass Du Waugh jetzt für Dich entdeckt hast. LG, Bri

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe das so verstanden, dass es alles Neuübersetzungen sind, die da herausgegeben werden, mag mich aber irren. Vielleicht hätte ich einen anderen Roman auswählen sollen, dieser hat mich zwar gefallen, aber ich habe das Gefühl, eins der späteren Werke wäre vielleicht besser gewesen… Na ja, stehen ja noch einige zur Auswahl. ;) LG

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