Der Kreis schließt sich – Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes

Mit diesem vierten Teil, der den besorgniserregend-bedeutungsschwangeren Titel „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ trägt, schließt Elena Ferrante ihre inzwischen schon berühmt gewordene Neapolitanische Saga um die beiden Freundinnen Elena und Lila ab und findet für ihre Geschichte einen äußerst stimmigen Abschluss.

Der dritte Teil endete damit, dass Elena ihren Ehemann Pietro und somit ein gesichertes, gutbürgerliches Leben verließ, um mit ihrer Jugendliebe Nino zusammenzuleben. Sie bringt damit nicht nur ihren Mann und seine Familie gegen sich auf, auch Lila sagt ihr deutlich, was sie von Elenas Plan hält und versucht sie davon zu überzeugen, dass sie auf Nino nicht wird zählen können, aber Elena ist so verliebt, dass sie all den Stress, den Streit und auch die Konflikte mit ihren Töchtern Dede und Elsa auf sich nimmt und schließlich zurück nach Neapel zieht, wo sie hofft, mit Nino glücklich zu werden, obwohl die Zeichen eigentlich dagegen sprechen.

In diesem letzten Teil erfahren wir also, wie es Elena und Lila ergeht ab einem Alter von ca. 30 Jahren bis ins Alter hinein. Dabei wird die Freundschaft der beiden wieder enger, wenn auch nicht gerade unkomplizierter. Die Konkurrenz, die ihre Freundschaft schon immer bestimmte, bleibt dabei deutlich bestehen, obwohl die beiden auch eine tiefe Zuneigung füreinander empfinden und sich gegenseitig viel helfen, gerade auch in der Kindererziehung, die in diesem Teil viel Raum einnimmt. So hatte ich bei der Lektüre von „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ erstmals das Gefühl, die komplizierte Freundschaft der beiden Frauen annähernd zu verstehen, diese ganz eigene Dynamik, in der sie wie selbstverständlich funktioniert, obwohl vor allem Lila Elena gegenüber stets sehr deutlich und oft auch verletzend wird, wenn sie der Meinung ist, Elena mache zum Beispiel einen Fehler, vor allem auf Nino bezogen, mit dem Lila auch schon liiert war. Wobei Elena ihr in der Hinsicht manchmal in nichts nachsteht.

Elena, die die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt, ist inzwischen eine bekannte Autorin, reist viel und veröffentlicht mehrere Bücher, trotzdem begleiten sie immer noch die alten Selbstzweifel, glaubt sie oft, nicht zu genügen, befürchtet zuweilen immer noch, Lila, die nicht studiert, die nicht einmal die Schule beendet hat, sei in Wirklichkeit die Klügere von ihnen beiden, der sie nie das Wasser wird reichen können. Doch auch Lilas schroffe Seite, ihre direkte, manchmal vulgäre Art, wird hier so schlüssig dargestellt, dass man das Gefühl hat, zu verstehen, warum sie so ist, wie sie nun einmal ist. Zumal es hier plötzlich Lila ist, die vernünftig und bodenständig argumentiert, während Elena oftmals die Augen vor der Wahrheit verschließt.

Besonders gut dargestellt sind in diesem Roman die geschichtlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die vor allem Italien, aber auch Europa und die Welt in den geschilderten Jahrzehnten erfasst haben. Sie fügen sich sehr organisch in die Geschichte ein, da die Protagonisten selbst nicht nur Beobachter, sondern Involvierte sind, wenn es zum Beispiel um den damals aufkommenden Terrorismus geht. Dabei führt die Geschichte auf einige Nebenschauplätze, die den Roman aber nicht etwa zerfasern lassen, sondern im Gegenteil sehr bereichern.

Es geschieht viel in „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, und der Roman entwickelt schnell einen starken Sog – stärker als in den übrigen Teilen. Vielleicht liegt es daran, dass sich nun alles zusammenfügt, dass der Kreis sich schließt. Ferrante versteht es sehr gut, den Wandel ihrer beiden Hauptfiguren, aber auch all der anderen Figuren darzustellen, die wir zumeist seit dem ersten Teil kennen, nicht selten also bereits von Kindesbeinen an. Wie sie sich verändern im Laufe ihres Lebens und auch im Laufe ihres Lebens als Erwachsene, wie das Leben sie belehrt und wie sie mit diesen Lehren umgehen. Dass Leben Freude und Leid gleichermaßen bedeutet und wie wertvoll Freundschaften sind – selbst wenn sie so schwierig sind, wie die zwischen Elena und Lila. Und am Ende verlasse ich Elena Ferrantes Neapel mit ein bisschen Melancholie, weil ich ihre Welt nun endgültig hinter mir lassen muss. Sie ist teils hart und desillusionierend, und die Autorin verschont uns nicht mit Schicksalsschlägen, aber sie ist auch so bunt, so lebensecht, so nah, als würde man selbst mit Lila und Elena im Rione wohnen und ihnen täglich auf der Straße begegnen.

www.elenaferrante.de

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes, Suhrkamp Verlag, 2018, 614 Seiten, 25 Euro

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