The Wife of Martin Guerre – Janet Lewis: Die Frau, die liebte

„Die Frau des Martin Guerre“ – hätte man den Titel dieses als Roman beworbenen Buches, das eigentlich eher eine Novelle von gerade einmal 136 Seiten ist, wörtlich übersetzt, vermutlich hätte man der Geschichte damit einen Gefallen getan. Auch die äußere Aufmachung, das zarte Türkis und die Blumen auf dem Buchumschlag – ich bin nicht sicher, ob man damit beim potenziellen Käufer die richtige, die passende Schlussfolgerung auslöst. „Die Frau, die liebte“, ist kein Liebes-, kein Frauenroman, keine mehr oder weniger simple Liebesgeschichte mit den üblichen Problemen plus garantiertem Happy End. „Die Frau, die liebte“ erschien erstmals im Jahr 1941 und wurde nun erstmals ins Deutsche übersetzt.

Die amerikanische Autorin Janet Lewis, die von 1899 bis 1998 lebte und die meiste Zeit ihres Lebens in Kalifornien verbrachte, beschäftigt sich hier mit einem wahren Kriminalfall aus dem 16. Jahrhundert in Frankreich. Damals verschwand der junge Martin Guerre spurlos und ließ Frau, Kind und die anderen Familienmitglieder auf seinem Gut zurück. Erst acht Jahre später kehrt er zurück, nimmt sein altes Leben wieder auf und alles könnte sich zum Guten fügen, wären da nicht die Zweifel seiner Ehefrau Bertrande. Langsam wird sie misstrauisch, irgendetwas ist anders an ihrem Mann, er ist ihr fremd, kann es sein, dass er gar nicht Martin Guerre ist? Letztlich kommt es zu einem Gerichtsverfahren, das die Frage klären soll, ob der Heimgekehrte der echte Martin Guerre oder ein Hochstapler ist.

Schon der Klappentext weckte bei mir sofort Erinnerungen an „Sommersby“, den amerikanischen Film aus dem Jahre 1993, in dem Jodie Foster und Richard Gere ein Paar spielen, dem genau das geschieht: Gere als verschwundener Mann, der nach langer Zeit völlig verändert zurückkehrt, dessen Charakter sich sehr zum Positiven verändert hat, der liebevoll zu seinem Kind ist und in seiner Frau Gefühle für ihn weckt, die sie so nicht kennt. Der Film verlagert die Geschichte ins 19. Jahrhundert und nach Tennessee und auch sonst nimmt er sich einige Freiheiten heraus – wie es sich für Hollywood-Herzschmerz-Kino gehört, gipfelnd in dem Moment, in dem Jodie Foster vor Gericht ihre Überzeugung, der Mann, der sich als der ihre ausgebe, könne es vor allem deshalb nicht sein, weil sie ihren „echten“ Mann nie so geliebt habe, wie sie ihn liebe. Der wahre Fall und auch die hier vorliegende Adaption von Janet Lewis aus dem Jahre 1941, die sehr nah am historisch Verbürgten ist, unterscheiden sich inhaltlich sehr von dem 90-Jahre-Hollywood-Streifen (übrigens gibt es noch eine weitere Verfilmung des Stoffs aus dem Jahr 1982 mit Gérard Depardieu, offenbar wurde die Erzählung als sehr inspirierend empfunden).

Janet Lewis nun erzählt die Geschichte um Martin Guerre und seine Frau Bertrande vor allem als die Geschichte der Ehefrau und aus ihrer Perspektive – was vermutlich auch der Grund dafür ist, warum man sie im deutschen Titel so in den Mittelpunkt rückt und den Schwerpunkt dabei auf ihre Gefühle legt, statt auf die große Frage der Geschichte, nämlich, ob der Zurückgekehrte nun der ist, der er zu sein vorgibt. Literarische Raffinesse darf man dabei allerdings nicht erwarten, die Sprache ist einfach, Lewis beschreibt viel und erzählt ihre Geschichte chronologisch als ein „es geschah dieses, dann passierte jenes“, sodass mich das Buch nur leidlich fesseln konnte. Auf knapp 140 Seiten ist auch keine außerordentliche psychologische Tiefe zu erwarten, was aber womöglich auch gar nicht die Intention der Autorin war. Wobei die Innenschau dieser Frau durchaus interessant ist, ihr Leben in einer sehr patriarchalischen Struktur, in der sie quasi nichts zu sagen, sondern sich möglichst unterzuordnen hat, in der es sehr starre Regeln gibt und der Glaube und die Einhaltung gewisser Regeln bzw. der Gebote oberste Priorität haben. Ihr innerer Kampf ist dabei glaubwürdig dargestellt: Sie ist sich sicher, der Heimgekehrte ist nicht ihr Mann, doch sie fühlt sich dennoch zu ihm hingezogen. Niemand sonst glaubt ihr, alle sehen in ihm Martin Guerre, der es versteht, sie durch sein großes Wissen über seine bzw. Guerres Vergangenheit zu überzeugen. Selbstverständlich lebt Bertrande in Sünde, wenn sie mit dem Fremden zusammenlebt, als wäre er ihr Ehemann. Diesen Konflikt arbeitet Lewis recht gut heraus.

Generell fällt es mir schwer zu glauben, dass man jemanden, den man sehr gut kennt, auch nach längerer Zeit nicht wieder erkennen würde. Zahllose Geschichten gibt es über das Nichterkennen etwa des Geliebten, mir fällt dabei das Decamerone von Boccaccio ein, viele Opern leben ebenfalls von Verwechslung und vom Nichterkennen des Geliebten. Allerdings ist es in diesen Fällen auch immer eindeutig Fiktion, die erheitern soll. Im Fall des Martin Guerre und in Janet Lewis’ Version der Geschichte erklärt sich die Unentschlossenheit der Nahestehenden aus den acht Jahren, die Guerre weg war, eine Zeit, in der sich viel verändern kann. Trotzdem erscheint es mir nicht ganz glaubwürdig, einen Fremden für ein Familienmitglied zu halten – allein schon die Stimme muss ihn zwangsläufig verraten. Doch der Fall des Martin Guerre ist verbürgt, es gab einen Prozess, es gab Verwirrung und Unklarheit, also wird es wohl so gewesen sein.

Janet Lewis: Die Frau, die liebte, dtv Verlag, 2018, 136 Seiten, 18 Euro

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4 Antworten zu The Wife of Martin Guerre – Janet Lewis: Die Frau, die liebte

  1. Niamh O'Connor schreibt:

    Zu dem Stoff gibt es auch einen französischen Film aus dem Jahr 1982: „Die Wiederkehr des Martin Guerre“ mit Gérard Depardieu in der Titelrolle. Nach allem, was Du über die Novelle berichtest, ist der Film die bessere Wahl.

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  2. thursdaynext schreibt:

    Deine anfänglichen Überlegungen sind zutreffend. Titel und Cover wirken eher abschreckend. Mir erscheint die Geschichte auch seltsam, fragwürdig.

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