Coming of Age im christlich-konservativen Amerika – Brit Bennett: Die Mütter

„Die Mütter“ also. Die Mütter von wem? Was eine Mutter als solche definiert, nämlich ihr Kind oder ihre Kinder, das ist hier zunächst einmal zweitrangig. Die Mütter sind eine Art Kollektiv, das nicht näher in die einzelnen Persönlichkeiten aufgeschlüsselt wird, und ihre Kinder sind alle Bewohner des kleinen kalifornischen Ortes Oceanside. Es ist ein Ort, in dem die Zeit langsamer zu vergehen scheint. Man vergisst während der Lektüre zuweilen, dass wir uns in der Gegenwart befinden, so sehr herrschen hier alte, fast archaische Regeln. Es ist eine Kirchengemeinde, in der die geschilderten Ereignisse sich zutragen. Und es sind die Mütter, die alten Frauen der Gemeinde, die stets genau alles beobachten, was passiert, die es ganz selbstverständlich bewerten, die sich das Maul zerreißen über das, was für sie nicht weniger als ein Skandal ist.

Die Mütter sind es, die oftmals zu Beginn eines neuen Kapitels im Debütroman der amerikanischen Autorin Brit Bennett in einer Art des choralen Erzählens zusammenfassen, was am jeweiligen Punkt der Geschichte gerade passiert ist, sie erzählen aus einer Perspektive der Allwissenheit und aus zeitlicher Entfernung heraus, denn die Ereignisse liegen immer dann, wenn sie sich zu Wort melden, längst in der Vergangenheit. Und sie kommentieren stets sehr pointiert, manchmal bissig und ohne Umschweife.

„Wenn ein Geheimnis erst einmal gelüftet ist, wird jeder zum Propheten.“ S. 172

Diese Perspektive wird allerdings jeweils schnell wieder verlassen, wenn sich der Roman der eigentlichen Geschichte zuwendet. Und die ist dann doch sehr weltlich. Die junge Nadia, deren Mutter sich umgebracht hat, lebt mit ihrem Vater zusammen. Es ist eine schwierige Beziehung, wenn auch nicht ohne Liebe und Zuneigung. Nadia aber trifft sich heimlich mit Luke und schläft auch mit ihm, was ohnehin schon brisant ist, umso mehr, als Luke der Sohn des Pfarrers ist. Nadia wird schließlich schwanger und beschließt recht schnell, das Kind nicht zu bekommen. Die Beziehung der beiden hält der Belastung nicht stand. Nadia verlässt schließlich den Ort, um zu studieren, beginnt eine neue Beziehung und emanzipiert sich ein Stück weit von ihrer Heimat. Als sie Jahre später zurückkehrt, ist Luke mit Nadias bester Freundin Aubrey liiert. Es stellt sich heraus, dass zwischen Nadia und Luke noch nicht alles geklärt ist.

Brit Bennett, die erst 26 war, als sie mit ihrem Roman direkt die Bestsellerlisten in den USA eroberte, verarbeitet in „Die Mütter“ viele Themen. So sind nicht nur die alten Frauen von Bedeutung, die das Geschehen aus einer übergeordneten Instanz beäugen, sondern auch die fassbaren, die als Charaktere in der Geschichte auftreten. Sowohl Nadia als auch ihre Freundin Aubrey haben oder hatten schwierige Beziehungen zu ihren Müttern, auch die Pfarrersfrau und Mutter von Luke ist eine wichtige Figur in Bennetts Geschichte. Diese Mütter sind ab einem bestimmten Punkt nicht mehr für ihre Kinder da, zu einer für diese schwierigen Zeit an der Schwelle zum Erwachsensein. Für jede von ihnen scheint oder schien Mutterschaft zudem etwas Anderes zu bedeuten. Und natürlich ist da auch die Mutterschaft Nadias, zu der es gar nicht erst nicht kommt.

Nie wird erwähnt, dass die Protagonisten des Romans Schwarze sind – Hautfarbe ist nur dann Thema, wenn jemand weiß ist. Auch geht es nie oder nur sehr subtil um einen Vergleich oder eine Gegenüberstellung von Schwarz und Weiß, sondern vor allem um die Erwartungen, die diese christlich-konservative Gemeinde an junge Frauen aus ihrer Mitte hat. Auch hier sind wir gleich wieder beim Thema Mutterschaft, ist es etwa für Aubrey doch kaum zu ertragen, dass sie es, einmal verheiratet, nicht schafft, schwanger zu werden.

Neben Nadia sind es Aubrey und Luke, denen man während der Lektüre dabei zusieht, wie sie versuchen, erwachsen zu werden, ihren Platz zu finden innerhalb dieser starren Gesellschaft, die auf jeden Schritt blickt, den sie tun und sie gnadenlos bewertet. In dieser Hinsicht ist „Die Mütter“ ein gelungener Coming-of-Age-Roman, der mit der Zeit einen großen Sog entwickelt, dem ich mich nicht entziehen konnte. Brit Bennett beobachtet sehr genau, vor allem das persönliche Drama Nadias, die ihre Abtreibung niemals versucht zu verdrängen, sondern den Anspruch hat, mit dieser Erfahrung zu leben, aber ebenso das große Ganze, das Leben im Dorf, die Emanzipation – selbst die alten Frauen werden gegen Ende des Romans dann noch ein wenig greifbarer.

Brit Bennett schreibt auch Essays und Rezensionen für den New Yorker, die Paris Review, und sie veröffentlichte einen sehr beachteten Essay mit dem Titel „I don’t know what to do with good white people“, in dem sie wertvolle Denkanstöße gibt. Die Filmrechte für „Die Mütter“ wurden bereits verkauft.

„… Aber wir sind auch einmal Mädchen gewesen, und das soll heißen: Wir waren alle mal in ein Arschloch verliebt. Das kann man nicht christlich ausdrücken. Es gibt zwei Sorten Männer auf der Welt: Männer, die Arschlöcher sind, und die, die es nicht sind.“ S. 107

Brit Bennett: Die Mütter, Rowohlt Verlag, 2018, 320 Seiten, 20 Euro

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2 Antworten zu Coming of Age im christlich-konservativen Amerika – Brit Bennett: Die Mütter

  1. Wissenstagebuch schreibt:

    Ich habe eine Schwäche für Geschichten aus dem christlich-konservativen Amerika. Sie bilden einen schönen Gegenpol zum hippen New Yorker Leben und der Hochglanzwelt Hollywoods und kommen immer einen Tick authentischer daher. Gerade lese ich ,,Mudbound“, aber ,,Die Mütter“ ist gleich auf die Wunschliste gewandert. Danke für den Tipp!
    Viele Grüße
    Jana

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