Mitten im Leben – Mira Magén: Zuversicht

Zuversicht ist eigentlich nicht das, was einem zu diesem Roman einfällt. Nava hat ihren Mann und ihren Sohn durch einen Autounfall verloren, und ihr Blick in die Zukunft ist alles andere als zuversichtlich. Ihre Reaktion auf den Schlag, der ihr Leben in ein Davor und ein Danach geteilt hat, ist eine der Resignation: Sie gibt ihren Beruf als Innenarchitektin auf, um in einem Supermarkt an der Kasse zu arbeiten. Und sie verlässt ihre Wohnung, in der immer noch alles an glückliche Jahre erinnert und zieht in ein Seniorenheim. Hier, glaubt sie, ist sie unter ihresgleichen: Menschen, die wie sie nichts mehr vom Leben erwarten, die es im Großen und Ganzen hinter sich haben.

Nur dass die Alten das anders sehen und damit auch nicht hinterm Berg halten. Was will die junge Frau unter ihnen? Immer wieder begegnet Nava im Laufe der Geschichte Menschen, innerhalb und außerhalb ihres neuen Zuhauses, die ihr klarmachen, dass sie sich eben nicht am gleichen Punkt befindet wie jene, die doppelt so alt sind wie sie. Dass das Leben durchaus noch etwas für sie bereit hält, wenn sie sich nicht vor ihm verschließt. Nava nimmt die anderen schulterzuckend zur Kenntnis und macht weiter wie bisher.

Dabei gibt es einige Menschen, die in ihrem Leben auch jetzt noch eine Rolle spielen, angefangen bei ihrem Bruder Chanan und seiner sehr resoluten Frau Jonina, die immer geradeaus sagt, was sie denkt und sich weigert, die Schwägerin mit Samthandschuhen anzufassen. Im Seniorenheim schließlich freundet sich Nava mit zwei alten Frauen an, Zwillinge sind sie, ihre Ehemänner tot, wollen sie den Lebensabend gemeinsam in der Residenz verbringen. Im Supermarkt schließt sie Freundschaft mit Ola, die immer wieder mit ihrem gewalttätigen Exmann und Vater des gemeinsamen Sohnes aneinander gerät. Und auch Männer begegnen Nava, sie nimmt sie wahr, sie bemerkt, dass sich in ihr Bedürfnisse regen, nach Zuwendung, nach körperlicher Nähe. Wahrhaben will sie das nicht. Überhaupt ist es teils fast rührend zu lesen, wie sehr Nava versucht, sich nicht mehr wie vor der Tragödie in der Welt zu bewegen, sich nicht hineinziehen zu lassen, nicht mehr teilzuhaben am sozialen Leben – und wie wenig ihr das letztlich gelingt. Die Welt und die Menschen in dieser Welt lassen sie einfach nicht in Ruhe. Und es zieht sie andererseits dann auch zu ihnen und vor allem zu ihrem Unglück. Hier muss sie lernen und anerkennen, auch andere haben Leid erfahren. Teils sagt man ihr dies auch schonungslos ins Gesicht: Sie hat kein Monopol auf Leid und Schmerz.

Bücher über Tod und Trauer gibt es viele, und spontan fallen mir einige ein, bei denen die Umsetzung geglückt ist („Und wieder Februar“ von Lisa Moore, „Nora Webster“ von Colm Tóibín). In diesen Büchern ist die Herangehensweise der AutorInnen und mit ihnen die ihrer Figuren unterschiedlich, genauso wie es eben im wahren Leben die unterschiedlichsten Formen der Trauer gibt. In Mira Magéns „Zuversicht“ ist die Antwort der Figur eine Art Totalverweigerung an das Leben, das ihr alles genommen hat, was sie geliebt hat. Und wenn sie das jedem, der ihr begegnet, sagt, dann geht das in Wirklichkeit vor allem sich selbst, auch wenn sie das nicht bemerkt oder nicht bemerken möchte. In ihrem Verhalten und ihrer schonungslosen Offenheit anderen gegenüber denkt Nava außerdem nicht an Konventionen, oder daran, jemanden womöglich mit zu viel Ehrlichkeit verletzen zu können. Für sie gibt es nur eine Direktheit und ein Geradeheraus. Alles ergibt sich aus dem Vorherigen, alles folgt konsequent aus dem anderen, und das in einer Gleichmäßigkeit, die sich auf die Sprache überträgt, in der alles, was geschieht, was gedacht und gesagt wird, auf einer Ebene gezeigt wird, wie nacheinander weg erzählt, ohne großes Auf und Ab. In dem Zusammenhang scheint es hier auch passend, dass in „Zuversicht“ wie es inzwischen oft der Fall ist, auf Anführungszeichen in der Wörtlichen Rede verzichtet wird.

Dass Nava nicht nur sich selbst nicht bewertet, sondern ebenso wenig die Anderen, scheint eine fast erfrischende Art und Weise zu sein, auf seine Mitmenschen zu reagieren, auch wenn dies natürlich stets nur in Grenzen wirklich funktioniert. Dadurch bleibt der Plot lange offen. Bei der Lektüre hätte ich mir sehr lange viele verschiedene Möglichkeiten vorstellen können, wie der Roman endet, und jede dieser Möglichkeiten hätte Magén zu einem schlüssigen und befriedigenden Ende führen können. Durch diese Unvorhersehbarkeit bleibt die Geschichte dann auch spannend, auch wenn das Wort nicht wirklich zum Charakter des Romans passt. Wollte man an „Zuversicht“ etwas kritisieren, so vielleicht, dass Nava doch recht lange verharrt – ein verständliches Verharren, gewiss, so dass es mir sehr nachvollziehbar erscheint, nur, dass die Geschichte und mit ihr ihre Hauptfigur sich so nur sehr langsam entwickelt.

Das ist aber Kritik auf hohem Niveau: „Zuversicht“ ist ein wunderbarer Roman über eine Frau, die bei aller Verweigerung dann doch, ich denke, so viel dürfte von vornherein klar sein, einen Weg findet, irgendwie mit ihrem Schicksal umzugehen. Eine Geschichte voller Leid und Tod, aber auch mit viel Lebendigkeit und somit mit allem, was das Leben ausmacht. „Zuversicht“ ist somit am Ende ein lebensbejahender Roman, einer, der nichts beschönigt, der aber letztlich doch nicht in der Verzweiflung steckenbleibt. Und somit dann doch eine Geschichte der Zuversicht, wenn auch erst auf den zweiten Blick.

Mira Magén: Zuversicht, dtv Verlag, 2018, 432 Seiten, 24 Euro

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