Aufregende Schlichtheit zum zweiten – Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich

Wie schreibt man eine Besprechung zum zweiten Teil einer Geschichte? Seitdem ich die Lektüre von Haruki Murakamis „Die Ermordung des Commendatore. Eine Metapher wandelt sich“ beendet habe, überlege ich, was ich zu diesem Roman schreiben kann und soll. Leser, die den ersten Teil noch nicht kennen, werden zwangsläufig gespoilert, wenn man auch nur wenige Angaben zum Inhalt macht, und da es sich meiner Meinung nach nicht wirklich um eine zweigeteilte Geschichte handelt, sondern um ein großes Werk, das eben in zwei Teilen veröffentlicht wurde, lässt sich der Rezension zu Teil 1 wenig hinzufügen. Höchstens, wie es dem Autor gelingt, seine Geschichte zu einem schlüssigen Ende zu führen, aber auch hier: Wie soll ich mein Fazit begründen, ohne zu viel zu verraten? Lohnt es sich doch hier gerade, die Lektüre möglichst unbedarft anzugehen, ohne viel Vorwissen. Mal sehen, wie sich dieses Problem lösen lässt.

Teil Eins endete, und hier dürfen alle, die ihn (noch) nicht kennen, eigentlich schon nicht mehr weiterlesen, mit dem Auftrag des Ich-Erzählers, die junge Marie zu porträtieren. Zu verabredeten Zeiten kommt sie mit ihrer Tante zum Protagonisten und sitzt ihm Modell. Dabei freunden sich die beiden an. Der Held ist angetan von Maries Klugheit und Scharfsinn, und Marie erinnert ihn manchmal an seine eigene, früh verstorbene Schwester. Sowieso ist dieser zweite Teil ein Buch der Frauen: sowohl Maries und ihrer Tante, als auch der toten Schwester und der Frau des Protagonisten, wobei sie auf dem Weg dazu ist, seine Ex-Frau zu werden, jedenfalls hat er die Scheidungspapiere inzwischen unterschrieben. Marie spürt, dass Menshiki, der sich sehr für sie und ihre Tante zu interessieren scheint, nicht ganz aufrichtig ist. Niemand außer dem Ich-Erzähler (und somit dem Leser) weiß, dass dieser glaubt, Maries Vater zu sein.

Und so nimmt die Geschichte also ihren Lauf. Schon im ersten Teil gab es die üblichen übernatürlichen Elemente, die wie immer bei Murakami einfach hingenommen und nicht weiter in Frage gestellt werden, wenn auch dem Protagonisten stets klar ist, dass sie unglaubwürdig sind und er sie deshalb meist für sich behält, um nicht in Erklärungsnöte zu kommen. Doch zweifelt er niemals an, was ihm geschieht. In der Hinsicht steigert sich die Geschichte verglichen zum ersten Teil noch. Erneut liest sich Murakamis Roman schlicht und doch auf den Punkt, er wiederholt und verstärkt wie gehabt. Sein Protagonist ist der einfache und geradlinige Mann, den wir im ersten Teil kennengelernt haben und in ähnlicher Weise in anderen Werken Murakamis zuvor. Auch die Themen bleiben naturgemäß die gleichen, es wird gekocht und gegessen, gemalt, geredet, Musik gehört. Und natürlich versuchen der Protagonist und mit ihm Menshiki sowie sein Jugendfreund Masahiko, den Ereignissen auf die Spur zu kommen und sie zu verstehen. Ganz nebenbei geht es um die Entwicklung des Protagonisten – schon ganz zu Beginn wurde angedeutet, dass seine Zeit allein in dem Haus von Masahikos Vater zeitlich begrenzt sein würde. Er sucht seinen Platz, einen Weg zurück ins Leben und der Roman folgt ihm dabei.

Murakamis Commendatore hinterlässt bei mir einige Fragen, die ich aber wiederum nicht näher erläutern kann, weil ich dafür zu viel aus dem Inhalt verraten müsste. Ein wenig hat mich die Lektüre verwirrt, dennoch bin ich überzeugt, dass hier alles so ist, wie es sein soll und die Fragezeichen genau da stehen, wo der Autor sie haben wollte. Ein Roman also, in den man sich selbst einbringen muss, um zu verstehen, in dem man seine eigenen Antworten finden muss. Oder den man einfach als spannende Geschichte in eigener, spezieller Atmosphäre liest und sich völlig in diese fremd-bekannte Murakamiwelt hineinziehen lässt. Das kann völlig ausreichen, weil es eine sehr gute Geschichte ist.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore, Band 2, Eine Metapher wandelt sich, Dumont Verlag, 2018, 496 Seiten, 26 Euro

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3 Antworten zu Aufregende Schlichtheit zum zweiten – Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich

  1. Bri schreibt:

    Ich habe mir am WoE den ersten Teil aus der Bib geholt – mein erster Murakami – und nur mal angelesen … ich bin sehr gespannt. Was ich sehr schön an Deiner Besprechung finde ist, die Tatsache, dass Du darauf hinweist, dass man sich hier selbst einbringen muss oder alle Erwartungen fahren lassen … das ist bei vielen Büchern so, nur dass die Leser ihre Erwartungen dem gegenüber stellen, was der Autor intentiert und somit ein guten Text dann herabwürdigen, weil sie ihn nicht durchdrungen oder etwas anderes erwartet haben. Ich bin sehr gespannt, ob es mir gelingen wird. Und wenn ich durch bin mit beiden, treffen wir uns endlich auf einen Kaffee und diskutieren darüber. Wie wärs? LG, Bri

    Gefällt 2 Personen

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