Anforderungen an ein ausgefülltes Leben – Mary McCarthy: Die Clique

New York, die 30er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts: „Die Clique“ besteht aus acht jungen Frauen, die zusammen studiert haben und nun erste Schritte in ein Leben als quasi erwachsene Frauen wagen. Dabei geht es vor allem, aber nicht nur, um Männer, darum, zu heiraten und eine gute Partie zu machen, aber auch um anderes, das die Frauen umtreibt in dem Wunsch, ein ausgefülltes Leben zu führen.

Mary McCarthy erzählt in „Die Clique“ von den einzelnen Frauen eher episodenhaft, pickt sich jeweils eine von ihnen heraus und folgt ihr in einer bestimmten Situation, in einem Lebensabschnitt, der für sie besonders prägend ist. Da ist Kay, die zu Beginn des Romans Harald heiratet. Er arbeitet am Theater, seine Arbeit ist aber keineswegs gesichert. Bald wird klar, wenn noch nicht der Protagonistin, dann doch zumindest sehr schnell dem Leser, diese Ehe wird schwierig werden, dieser Mann ist ein schwieriger Charakter, manipulativ und ein Lügner noch dazu. Die junge Dottie dagegen möchte gar nicht so unbedingt heiraten, sondern vor allem wissen, wie es ist, Sex zu haben und lässt sich auf einen Mann ein, der ihr gleich klarmacht, was sie von ihm erwarten kann, nämlich so gut wie gar nichts. Vor allem weder Liebe noch Treue. Selbstverständlich verliebt sie sich in ihn. Weitere Episoden des Romans befassen sich unter anderem mit den Bestrebungen einer Protagonistin, ihre gewünschte Arbeitsstelle zu bekommen und mit den Problemen, auf die eine andere stößt, die unbedingt ihr Kind stillen will in einer Zeit, in der es Gang und Gäbe ist, die Flasche zu geben. Dabei lässt die Autorin ihre Heldinnen jeweils zurück, wenn sie sich einer der anderen widmet und wir begegnen ihr später wieder, während die Zeit vergeht, die sie dann im Schnellverfahren Revue passieren lässt, indem sie nachliefert, was sich in der Zwischenzeit zugetragen hat. Durch diese Herangehensweise wirkt der Roman lebendig und recht kurzweilig: Hier wird gelebt.

„Die Clique“ erschien erstmals im Jahr 1963 in New York. Dies erscheint mir insbesondere im Hinblick auf die teils doch sehr freizügigen Sexszenen im Roman bemerkenswert, die, so ist dem Nachwort zu entnehmen, die Leserschaft nach seinem Erscheinen offenbar sehr schockiert haben. McCarthy nimmt hier kein Blatt vor den Mund, und sie romantisiert hier auch nichts, sondern führt ihre Protagonisten mit bissigem Humor vor. Überhaupt ist ihr Roman teils böse, fast ein bisschen abgeklärt.

Auffällig ist bei näherem Hinsehen auf die Figuren und ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche nach einem ausgefüllten Leben, dass sie sich weit weniger von uns in der heutigen Zeit unterscheiden, als man meinen könnte. Es mag so aussehen, als ginge es den Frauen hauptsächlich um die Suche nach einem geeigneten Ehemann, und sicher geht es auch darum, war das Eingehen einer standesgemäßen Bindung zur damaligen Zeit zweifellos wichtiger als heute, davon abgesehen aber haben Kay und ihre Freundinnen ganz ähnliche Sorgen und Probleme wie heutige Frauen. Beziehungsprobleme, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie (schließlich haben die jungen Frauen studiert und wollen etwas verändern und sich einbringen – nicht nur durch die Gründung einer Familie), Kindererziehung. Es fällt nicht schwer, sich in die Protagonistinnen hineinzuversetzen, auch oder gerade weil McCarthy sie mit Ecken und Kanten ausstattet, wobei sie teilweise aber auch eher schwierig, zickig oder launisch sind.

McCarthys Roman folgt nicht einem großen Erzählbogen, sondern setzt sich aus besagten Episoden zusammen, die jeweils einen begrenzten Zeitraum und mit ihm eine der jungen Frauen und ihr Leben und ihre Sorgen zu einem bestimmten Zeitpunkt näher beleuchten und damit auch jeweils ein Thema in Augenschein nimmt. Diese Reihe kleiner Geschichten schaffen so ein Abbild der Zeit und des geschilderten Milieus. So sind auch nicht alle Frauen gleich präsent. Gerade zu Beginn der Lektüre fällt es schwer, die Figuren auseinanderzuhalten, was sich gibt, wenn sie näher betrachtet und mit Charaktereigenschaften und einer eigenen Geschichte ausgestattet werden.

Zwar konnte mich „Die Clique“ nicht völlig fesseln, da die Geschichte ein wenig in ihre Teile zerfällt und die Figuren nicht alle in gleicher Weise überzeugend bzw. interessant sind. Als Zeugnis sowohl seiner Entstehungszeit als auch der Zeit, in der die Geschichte spielt, ist „Die Clique“ aber eine lohnende Lektüre.

Mary McCarthy: Die Clique, btb Taschenbuch Verlag, 2017, 528 Seiten, 10 Euro

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5 Antworten zu Anforderungen an ein ausgefülltes Leben – Mary McCarthy: Die Clique

  1. Bri schreibt:

    Ich freue mich sehr auf die Lektüre, mal sehen, wie ich mit dem „Auseinanderfallen“ der Handlung, des Plots, wie auch immer man es nennen mag zurecht kommen werde. Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt, vor allem, weil ich auch gelernt habe, dass McCarthy eine der besten Freundinnen Hannah Arendts war, die ich sehr verehre. LG, Bri

    Gefällt 1 Person

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