Neue Ermittlungen, viele Gedanken und das Aufeinandertreffen von Milieus – Jan Weiler: Kühn hat Ärger

Martin Kühn ist wieder da. Und zwar sowohl zwischen zwei Buchdeckeln in Form des zweiten Bandes um den als Inbegriff des Menschlich-Normalen gezeichneten Münchner Hauptkommissar, als auch in der Romanwelt, zurück aus der Reha, die er nach seinem Burnout hinter sich gebracht hat. Zurück bei seiner Familie, bestehend aus Ehefrau Susanne und zwei Kindern. Und zurück in der Dienststelle, wo Kühn nun wieder der Chef ist, nachdem Freund und Kollege Steierer in der Zwischenzeit für ihn eingesprungen war.

Und natürlich gibt es auch gleich wieder einen Kriminalfall, eigentlich sogar zwei. Zunächst einmal wird ein Jugendlicher tot aufgefunden, der einen sogenannten Migrationshintergrund hat, mehrfach polizeilich aufgefallen ist durch alle möglichen Delikte bis hin zu Raub und Körperverletzung, in den letzten Wochen aber eine absolute Verhaltensänderung gezeigt hat. Und zweitens droht ein Erpresser damit, Lebensmittel in einem Supermarkt in Kühns Wohngegend zu vergiften, wenn nicht ein üppiges Lösegeld gezahlt wird.

Wie schon im Vorgängerroman „Kühn hat zu tun“ ist es auch hier wieder so, dass die Kriminalfälle zwar wichtige Komponenten in der Geschichte sind, dass wir es aber mitnichten mit einem üblichen Krimi zu tun haben, in dem der Fokus nur auf der Aufklärung bzw. der Polizeiarbeit läge. Viel mitzuraten gibt es hier eigentlich nicht, und besonders ausgeklügelt sind die Kriminalfälle auch nicht, darum geht es aber auch nicht. Es geht um das ganze Drumherum, irgendwie um Alles, und Weiler schafft es mit einer bewunderungswürdigen Leichtigkeit, ernste und schwere Themen miteinander zu vermengen, ohne dass die Geschichte überladen wirkt.

Da sind die verschiedenen sozialen Schichten und das Aufeinandertreffen von Menschen, die zwar in der gleichen Stadt, trotzdem aber in verschiedenen Welten leben. Wir lesen vom Leben sehr reicher Leute, das in Teilen groteske Züge annimmt, und in dem es von allem nur das Beste und Teuerste sein darf, ganz gleich, wie unnötig das begehrte Objekt auch sein mag. Weiler versteht es wunderbar, das Leben dieser Stinkreichen darzustellen, indem er sie gnadenlos vorführt und ihr Verhalten überzeichnet – und ihnen dennoch zugesteht, dass sie im Grunde nette und feine Menschen sein können. Zumindest in gewissem Rahmen. Und richtig sicher ist Kühn sich dann irgendwie doch nicht. Dem gegenüber steht der Alltag derer, die fast nichts haben und die eigentlich längst abgehängt wurden. Verlierer eben. Und mittendrin dann Kühn selbst als Repräsentant der Mittelschicht, sein Alltag, seine in die Jahre gekommene Ehe, Kinder, die er nicht mehr zu kennen glaubt, der ganz normale Wahnsinn. Auch das viele Denken hat Kühn sich zwischen Band 1 und 2 nicht abgewöhnt, und diese Gedanken werden dem Leser ungefiltert mitgeteilt. Mal Erheiternd, mal nachdenklich. Und ganz nebenbei schafft „Kühn hat Ärger“ es auch noch wunderbar, die Stimmung im ganzen Land zu vermitteln, eine Stimmung zwischen Flüchtlingskrise und neuer Rechte. All dies hat in Weilers Roman Platz, ohne dass er den Faden verliert.

Jan Weilers Kühn-Romane finden in den Literaturblogs meiner Beobachtung nach kaum Erwähnung, vielleicht, weil sie stets ein wenig als leichte Unterhaltung abgetan werden. Und es stimmt auch, dass „Kühn hat Ärger“ in erster Linie Unterhaltung ist und sich in kürzester Zeit quasi weglesen lässt. Es ist aber nicht so, dass der Roman keinen Tiefgang besäße oder gar seicht wäre – auch wenn ich Weilers sehr feinen Humor und seinen spritzigen Wortwitz im ersten Teil noch etwas stärker in Erinnerung habe. Weiler überspitzt teils gekonnt, führt dem Leser vor, wie grotesk unsere Welt und unser Land teilweise geworden sind. Seine Protagonisten nimmt er trotzdem ernst und gerade weil sie so normal sind, kann sich jeder Leser irgendwo in Weilers Roman wieder finden.

Bei Jan Weilers Kühn macht es die Mischung, und die ist gelungen. Das Ende dieses Gesellschaftsromans lässt zudem sehr auf eine weitere Fortsetzung hoffen. Thursdaynext hat auf Feiner Buchstoff auch schon von Kühns neuesten Auftritt geschwärmt.

Jan Weiler: Kühn hat Ärger, Piper Verlag, 2018, 400 Seiten, 20 Euro

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2 Antworten zu Neue Ermittlungen, viele Gedanken und das Aufeinandertreffen von Milieus – Jan Weiler: Kühn hat Ärger

  1. thursdaynext schreibt:

    Dankeschön für’s verlinken, eine Freude nochmal von Herrn Kühn zu hören. Schön, wie du schriebst, dass Weiler eben nicht seichte U – Lit schreibt, sondern Tiefgang hat. Niveauviolle Unterhaltung mit Anspruch. Genau. Die Spiegelung der Stimmung im Lande, wünschte ich hätte dies geschrieben ;) Auf den nächtsen Kühn, wir lesen uns.

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