Trauer und Leere – Daniel Galera: So enden wir

Andrei ist tot. Auf der Straße überfallen, sein Handy gestohlen, ein fast schon banaler Tod, so zufällig. Andrei, auch Duke genannt, war Schriftsteller, ein Star, um den sehr in den Sozialen Netzwerken getrauert wird, von dem noch viel zu erwarten war, das nun nicht mehr kommen wird. Drei Freunde von früher treffen sich an seinem Grab in Porto Alegre, lassen die Vergangenheit Revue passieren und schauen sich an, wo sie heute stehen. Damals, da waren sie noch sehr jung, hatten sie zusammen an einem Online Fanzine namens „Orangotango“ gearbeitet. Das Internet steckte noch in seinen Kinderschuhen, es war neu und aufregend. Heute belächeln die Freunde ein wenig ihr altes Ich, sehr cool wollten sie sein und so gaben sie sich, innovativ und natürlich immer besser als die anderen sahen sie sich, ihr Blick immer ein wenig von oben herab.

Diese Drei kommen in Daniel Galeras neuem Roman „So enden wir“ abwechselnd zu Wort, sodass der Leser jeweils ein Stück Leben, Alltag, Vergangenheit und Gegenwart von ihnen kennenlernt. Aurora, die gerade einen Rückschlag im Hinblick auf ihre Dissertation einstecken musste, als ihr Professor sie nicht zur Prüfung zugelassen hat – aus rein persönlichen Gründen – und die beruflich also noch nicht Fuß fassen konnte. Ein bisschen so wie Emiliano, der Andrei einst sehr nahe kam, mit ihm eine Nacht verbrachte, was sie aber nie wiederholten, und der jetzt eine Biographie über den toten Freund schreiben soll. Und zuletzt Antero, seinerseits beruflich sehr eingespannt und erfolgreich, verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, der sich aber nach mehr und nach anderem sehnt.

Die Freunde sind also neben dem toten Andrei, der immer und überall wie ein Geist über der Geschichte schwebt, die Hauptfiguren des Romans. Allerdings haben sich Aurora, Emiliano und Antero, so mein Eindruck, seit ihrem letzten Treffen und seit der gemeinsamen Jugend ca. 15 oder 20 Jahre zuvor, kaum weiterentwickelt. Diese etwas blasse Anlage der Hauptfiguren ist einer der Gründe, warum ich zu Galeras Roman keinen rechten Zugang finden konnte. Das allein reicht nicht aus, um einen Roman nicht zu mögen, und auch, dass keiner der Drei als Identifikationsfigur taugt oder eine sympathische Figur ist, ist erstmal kein Grund, der gegen den Roman spricht. Leider musste ich aber irgendwann während der Lektüre feststellen, dass das Schicksal der Drei mich einfach nicht interessiert hat, dass mir egal war, wie es mit ihnen weiterging. Nichts an ihnen hat mich gefesselt, nachdenklich gemacht. Es wirkt ein bisschen so auf mich, als seien sie leere Hüllen, sie bleiben mir seltsam fern.

Eine große Rolle im Roman spielt der Umgang mit Sexualität, zunächst im Bezug auf das Internet, so wurden im Umfeld der Freunde in den 90ern wie selbstverständlich Amateurpornos gedreht, womit man recht abgebrüht und cool umzugehen schien, ja, es einfach normal finden wollte. Aber auch in der Gegenwart nimmt der Sex eine große und in dem Ausmaß nicht ganz schlüssige Rolle ein. Es erschließt sich nicht, wieso genau man auf mehreren Seiten ausführlich darüber lesen muss, welche Kriterien ein Porno haben muss, damit sich der Protagonist einen darauf runterholen kann. Dass diese Kriterien teils äußerst seltsam anmuten – geschenkt. Vor allem ist es für die Geschichte nicht notwendig, zumindest in der Ausführlichkeit nicht. Sollen die teils grotesken Obszönitäten schocken? Vor allem irritieren sie. Sowieso ist der Sex im Roman meist wahllos und mechanisch, wirkt eher wie eine Abarbeitung und reine Triebbefriedigung, ohne das echte Lust oder gar Gefühle im Spiel wären. Das muss es auch nicht, und sicherlich steht ein Statement dahinter, dem man im Laufe des Romans auf die Spur kommt, unterstreichen diese Szenen doch die Leere, die sich durch den gesamten Roman zieht, und die man glaubt, in den Protagonisten zu verspüren.

Das Internet, in der wilden gemeinsamen früheren Zeit der Freunde noch in seinen Kinderschuhen, neu und aufregend, hat in der Gegenwart längst seinen Zauber verloren. Ein bisschen sehnen sie sich zurück, ein bisschen zweifeln sie an sich und an der Welt, stehen letztlich aber ziemlich ratlos da und wissen nicht, was sie wollen. Wohin, warum. Leider ging es mir mit Galeras Roman insgesamt ähnlich. Er schneidet weitere Themen an, teils wird es recht theoretisch, was dann von seiner Geschichte wegführt und dem Roman meiner Meinung nach nicht gut tut. Womöglich hätten dem Roman wirklich mehr Seiten, mehr Hintergrund geholfen, wie Constanze von Zeichen und Zeiten es in ihrer Besprechung schreibt. Mich konnte „So enden wir“ trotz der interessanten Themen nicht überzeugen.

Daniel Galera: So enden wir, Suhrkamp Verlag, 2018, 221 Seiten, 22 Euro

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3 Antworten zu Trauer und Leere – Daniel Galera: So enden wir

  1. Pingback: Von der Vergänglichkeit – Daniel Galera „So enden wir“ – Zeichen & Zeiten

  2. Constanze Matthes schreibt:

    Ich kann Deine Kritik sehr gut nachvollziehen. Die spannendste Figur war für mich Aurora. Leider hätte ich mir über Duke mehr gewünscht, wie ist er zum Star geworden, warum hat er sich plötzlich zurückgezogen. Er wirkt nur als ein Schatten. Aber ich denke, das ist auch so gewollt. Vielen Dank für die Verlinkung und viele Grüße

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Ich glaube auch, man soll über Duke gar nicht mehr wissen. Vielleicht muss sich dieser Roman ja auch tatsächlich erst ein wenig setzen, einiges hat sich mir erst mit etwas Abstand wirklich erschlossen. Viele Grüße zurück und noch einen schönen Abend!

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