Alte Wunden – Verena Lueken: Anderswo

„Anderswo“, das bezeichnet etwas Vages, einen Ort, fern vom Hier und vielleicht auch vom Jetzt. „Anderswo“ kann überall sein und es gehört zu der Bedeutung des Wortes unbedingt dazu, dass nicht klar ist, wo das ist, der andere Ort. So betrachtet ist der Titel von Verena Luekens neuem Roman gut gewählt, denn tatsächlich lädt er zu verschiedenen Interpretationen ein, was vor allem nach Beendigung der Lektüre auffällt.

Die namenlose Protagonistin reist als Journalistin um die Welt und ist somit ständig anderswo. Es gibt Regelmäßigkeiten, wie den Frühsommer, den sie in New York verbringt, doch ist sie niemand, der an einem festen Ort verankert ist. Sie ist eine Einzelgängerin. Eine, die Menschen mag und mit ihnen Kontakt pflegt, die Begegnungen mit anderen mag und braucht, die es aber nicht mehr allzu eng werden lässt. Es gab einmal eine feste, eine sehr ernste Beziehung zu Claudio, einem Jazztrompeter, doch sie scheiterte. Sie hat noch Kontakt zu ihm, sie verstehen sich noch immer, doch die Zeit als Paar ist definitiv vorbei.

Zu Beginn der Geschichte ist die Heldin auf der Beerdigung des Vaters einer Freundin. Ihr eigener Vater ist schon lange tot, doch der Tod des anderen und die Zeremonie, der sie beiwohnt, holen die so sorgfältig weggeschlossenen Erinnerungen wieder hervor. An die sehr schwierige Beziehung, die sie zu ihrem Vater hatte. Einem Vater, der sie eigentlich nicht gewollt hat. Dieses Wissen war prägend, es war leidvoll, es so genau zu wissen. Während die Protagonistin sich erinnert, erfährt der Leser von Kindheit und Jugend mit dem abwesenden, dem kühlen Vater, dem sie nie so nahe kam, wie sie es sich wünschte. Und gleichzeitig komplettiert sich so nach und nach das Bild der Protagonistin.

„Die Seele war ein Schwamm, aus dem nie wieder etwas heraustropfte. Das schien ihr unumstößlich. Verletzungen blieben. Die Leere, die ihr Vater in ihr hinterlassen hatte. Irgendwann war es ihr gelungen, an den Rand dieser Leere zu gelangen, und etwas anderes war ins Zentrum getreten. Vorübergehend. Eine Serie von Vorübergehendem. Immerhin.“ S. 23

Verena Lueken gelingt es in ihrem zweiten Roman nach dem ebenfalls empfehlenswerten Romandebüt „Alles zählt“ sehr gut, den Leser langsam aber stetig in ihren Roman hineinzuziehen, indem sie behutsam Schicht für Schicht ihrer Geschichte freilegt. Indem sie uns eine Sichtweise offenbart, wir uns eine Meinung bilden – ganz von selbst, unumgänglich – und dann die Perspektive verschiebt. So ist es vor allem der Vater, dessen Charakter sich erst nach und nach vervollständigt, auf den sich unser Blick im Laufe der Geschichte verändert.

Eigentlicher Gegenstand des Romans ist dann aber doch die Entwicklung der Tochter. Sie hatte den Vater aus ihren Gedanken verbannt, ihn weggeschoben, bevor sie sich nun entschließt, doch noch einmal auf eine Art Suche zu gehen. Eine Suche, die sie fort führt, geografisch und zeitlich. In ein Anderswo. Für ihn, vor allem aber für sich selbst.

„Anderswo“ ist teils melancholisch, dann wieder durch die Pragmatik seiner Hauptfigur geprägt. Ein Roman, der zeigt, wie sehr uns unsere Ursprungsfamilie prägt, wie wenig man dagegen tun kann, selbst wenn man wollte. Wie alte Wunden wieder aufbrechen können, die längst als verheilt galten. Der Roman ist die Geschichte einer starken Frau, die ihren Weg, ihren Platz eigentlich schon längst gefunden hat. Ein oft nachdenklicher, trotzdem recht schnörkelloser, in jedem Fall lesenswerter Roman.

Verena Lüken: Anderswo, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2018, 240 Seiten, 20 Euro

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Alte Wunden – Verena Lueken: Anderswo

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich hatte den Roman angelesen, da ich „Alles zählt“ so mochte. Aber irgendwie haben mich die ersten Seiten nicht überzeugt. Vielleicht sollte ich länger durchhalten?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s