Sich verlieben in Beirut – Rainer Merkel: Stadt ohne Gott

Heute geht der erste Blick mal eher untypisch auf das Cover. Auf ihm ist eine junge Frau abgebildet, die den Betrachter ernst ansieht, der Titel des Romans „Stadt ohne Gott“ in großen Lettern verdeckt große Teile ihres Gesichts. Warum man sich im Verlag für dieses Cover entschieden hat, erschließt sich mir nicht. Ich sehe auch Protagonistin Rosie nicht ihr, die beiden haben für mich nichts miteinander zu tun und ich habe die Frau auf dem Buch bei der Lektüre nicht vor mir gesehen.

Dies ist allerdings schon alles, was ich kritisch zu Rainer Merkels neuestem Roman zu sagen habe. „Stadt ohne Gott“ ist jedoch ein schwer zu greifendes Buch. Es erzählt eine Geschichte, in die man sich fallen lassen muss, mit der man mit treibt. Sie ist nicht linear erzählt, sondern springt hin und her, oftmals muss man sich einen Moment orientieren, um zu bemerken, wo bzw. wann man sich gerade befindet.

Mit der „Stadt ohne Gott“ ist Beirut gemeint, oft auch als „Paris des Ostens“ bezeichnet – wobei sich auch andere Städte gern mit diesem Attribut schmücken, der Assoziation mit Liebe und Romantik kann man sich offenbar nur schwer entziehen. Trotz der Nähe zum Bürgerkriegsland Syrien scheint in Beirut dennoch noch ein relativ „normales“ Leben möglich. Hier leben Christen und Muslime recht konfliktfrei zusammen. Und auch die junge Deutsche Rosie, eine der drei Hauptfiguren in Merkels Roman, ist nach Beirut gekommen, ein wenig auf der Flucht vor ihrem Freund (oder Exfreund?) Thierry. Was sie dort genau will oder zu finden hofft? Schwer zu sagen. Hier lernt sie Daoud, einen syrischen Flüchtling und seinen Freund Rafik, einen Libanesen kennen. Beide Männer interessieren sich für Rosie, doch es ist Daoud, mit dem sie bald mehr verbindet. Daoud kommt aus einer christlichen Familie, die vom Bürgerkrieg betroffen ist. Er schreibt seiner Mutter Emails, in denen er aus seinem Leben im Libanon erzählt, verheimlicht aber vor ihr, dass in seinem Freundeskreis und näheren Umfeld auch Frauen zu finden sind, indem er ihnen Männernamen gibt. Rafik träumt von einem Leben als Künstler, er mag Männer und Frauen, hält sich diesbezüglich nach außen aber bedeckt.

„Stadt Ohne Gott“ kreist um diese Drei, wechselt oft die Perspektiven, erzählt teils aus dem Libanon im Jahr 2015, als sie sich kennenlernen und viel Zeit miteinander verbringen, teils davon, was im Jahr 2017 geschieht, als Daoud als Flüchtling in Berlin ein eher einsames Leben führt. Je weiter der Roman voranschreitet, desto vager wird die Geschichte, desto assoziativer das Geschilderte. Mehr und mehr verlagert sich die Handlung nach innen, lesen wir von Eindrücken der Protagonisten, schweifen sie ab in Erinnerungen und Gedanken. Im Zuge dessen legt sich dann auch mehr und mehr Melancholie über den Roman.

Merkels Roman verweigert dem Leser einen einfachen Zugang, er verwirrt – und hat mich dennoch komplett in sich hineingezogen. Seine Art des Erzählens, die jeweils viel Raum lässt für eigene Gedanken und Empfindungen, die mehr und mehr Gefühl statt Verstand anspricht (was sich einfacher anhört, als es tatsächlich ist), hat mich begeistert, obwohl ich manchmal nicht wusste, warum.

Rosie, Daoud und Rafik sind noch jung, irgendwo in ihren Zwanzigern. Zu den üblichen Problemen, die man eben haben kann, wenn es darum geht, erwachsen zu werden und zu erkennen, wohin man eigentlich möchte im Leben, kommt in ihrem Fall die äußere Kulisse, in der sich dieses Erwachsenwerden abspielt. Somit ist Beirut so etwas wie der vierte Protagonist in der Geschichte. Wenn man sich fallenlassen kann (und möchte, natürlich) in dieses Treiben, kann man ein eindrückliches Leseerlebnis haben in Rainer Merkels „Stadt ohne Gott“.

Rainer Merkel: Stadt ohne Gott, S. Fischer Verlag, 2018, 352 Seiten, 21 Euro

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