Verbindende Haare – Laetitia Colombani: Der Zopf

Smita lebt mit ihrem Mann und ihrer 6-Jährigen Tochter in Nordindien. Sie sind Dalits, Unberührbare, gelten als unrein und sind daher dazu verdammt, niederste Arbeit zu verrichten. Obwohl in Indien inzwischen gesetzlich verankert ist, dass niemand aufgrund seiner Kastenzugehörigkeit diskriminiert werden darf, sieht die Realität anders aus: Nach wie vor bleibt man zeitlebens an seine Kaste gebunden. Als Dalit ist es kaum möglich, gesellschaftlich aufzusteigen. Smita will sich damit nicht abfinden. Ihre Tochter Lalita soll es einmal besser haben als sie und zur Schule gehen, eine Ausbildung bekommen, nicht wie sie anderen Leuten hinterherputzen müssen. Was Smita vorhat, ist fast unmöglich.

Giulia lebt in Sizilien und arbeitet in der Haarfabrik ihres Vaters. Es ist ein Familienbetrieb, der schon seit mehreren Generationen existiert. Hier werden gespendete Haare zu Perücken verarbeitet. Der Betrieb ist einer der letzten seiner Art in Italien und die Geschäfte laufen nicht mehr gut. Giulia sieht sich plötzlich mit einer großen Verantwortung konfrontiert und muss eine weitreichende Entscheidung treffen.

In Kanada schließlich lernen wir Sarah kennen. Sie ist eine erfolgreiche Anwältin, die ihren Beruf über alles andere stellt und ihn strikt vom Privatleben trennt. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern, dennoch ist es realistisch, dass sie in der Kanzlei weiter aufsteigen wird – bis sie schwerkrank wird und nicht mehr abliefern kann.

Laetitia Colombani erzählt in ihrem Roman „Der Zopf“ abwechselnd von diesen drei Frauen, die sich nicht kennen und deren Lebenswirklichkeit nichts miteinander zu tun hat. Sie alle werden vor Konflikte gestellt und müssen auf verschiedene Weise existenzielle Probleme lösen. Verknüpft werden die Stränge vom titelgebenden Zopf – es ist nicht schwer zu erraten, wie er die drei Frauen dann doch miteinander verbindet.

Leider trifft diese Vorhersehbarkeit meiner Meinung nach auf den ganzen Roman zu. „Der Zopf“ liest sich sehr schnell und entwickelt auch durchaus einen Sog und animiert zum Weiterlesen, wirklich fesseln oder berühren konnte mich die Geschichte aber nicht. Das hat mehrere Gründe.

Zunächst einmal sind da Sprache und Stil Colombanis: Ihre Sätze sind oft kurz und knapp, die Sprache ist einfach gehalten, was zunächst einmal nichts Schlechtes ist. Oft jedoch wiederholt sich die Autorin, erzählt in mehreren aufeinanderfolgenden Sätzen exakt das Gleiche, lediglich in anderen Worten. Am Ende eines Kapitels steht oft ein abschließender Satz, der das Vorangegangene eher simpel dramatisiert, manchmal auch ein Cliffhanger. Diese Techniken sind meiner Meinung nach ziemlich schnell durchschaubar und wirken auf mich wie abgespult.

Insgesamt ist „Der Zopf“ recht vorhersehbar, bis auf ein paar Einzelheiten lässt sich die Geschichte von Beginn an voraussagen. Überraschungen gibt es kaum. Die Autorin konzentriert sich sehr auf ihre drei Hauptfiguren. Ihr Roman ist nur ca. 280 Seiten lang (wobei die Seiten groß bedruckt sind, man hätte ihn auf deutlich weniger Umfang bringen können), und Smita, Giulia und Sarah sind eindeutig diejenigen, um die es der Autorin geht. Die Charaktere neben diesen Dreien bleiben sehr blass und eindimensional – ja nicht mal die drei Hauptfiguren werden mit Facetten ausgestattet. Während die Geschichte insgesamt sehr hinausgezögert wird, reißt die Autorin das Ende dann ziemlich herunter.

Mich konnte „Der Zopf“ leider nicht überzeugen. Der Roman wurde, so verrät der Buchumschlag, in 28 Länder verkauft und stand auf Platz 1 der französischen Bestsellerliste. Wieder einmal zeigt sich, das heißt eigentlich gar nichts, und am Ende liest vermutlich jeder ein anderes, sein eigenes Buch. Dieses hat einfach nicht zu mir gepasst.

Laetitia Colombani: Der Zopf, S. Fischer Verlag, 2018, 288 Seiten, 20 Euro

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3 Antworten zu Verbindende Haare – Laetitia Colombani: Der Zopf

  1. Bookster HRO schreibt:

    Ich werde auch nicht so richtig warm mit dem Buch. Schade eigentlich, denn es klang so vielversprechend. Meine Rezension gibt’s zum Wochenende.
    Beste Grüße von der Ostsee!

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  2. Pingback: Letitia Colombani | DER ZOPF – Bookster HRO

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