Auf den Spuren chinesischer Geschichte – Madeleine Thien: Sag nicht, wir hätten gar nichts

Marie lebt mit ihrer Mutter in Kanada. China, das Land ihrer Wurzeln und ihrer Familie, kennt sie nur aus Erzählungen. Ihr Vater reiste einst nach Hongkong ab, wo er sich kurze Zeit später das Leben nahm, was Marie sehr erschüttert hat, wobei sie über die Gründe kaum etwas weiß. Als eines Tages die junge Ai-Ming vor der Tür steht, die nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens nach Vancouver geflohen ist, um bei Marie und ihrer Mutter zu leben, beginnt Marie, sich mit ihrer Familiengeschichte zu beschäftigen. Ihr Vater und der von Ai-Ming waren Schüler und Lehrer, wurden enge Freunde, die noch mehr miteinander verband. Während Maries Vater Kai als Pianist Karriere machte, wurde Ai-Mings Vater Sperling zur Arbeit in einer Radiofabrik verpflichtet, durfte nicht mehr komponieren. Die Musik, die westlichen Komponisten, die Partei verbat die Beschäftigung damit und mit ihnen, so wie sie jegliche Individualität im Keim zu ersticken versuchte.

In „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ geht die kanadische Autorin, die mit ihrem Roman 2016 für den Booker Prize nominiert war, noch weiter zurück in die chinesische Geschichte, bis in die Vierziger Jahre und zu Maries Großeltern. Alle Figuren in Thiens Roman mussten und müssen im Laufe ihres Lebens entscheiden, ob sie rebellieren und kämpfen wollen oder aber sich dem Staat beugen, was einerseits Karriere und Auskommen bedeuten kann, andererseits aber immer auch mit der Denunziation anderer einhergeht, wobei auf persönliche Befindlichkeiten keine Rücksicht genommen werden kann. Thiens Figuren gehen unterschiedlich mit ihrem Dilemma um, sie kämpfen oder knicken ein, sie fliehen – manchmal sogar ganz aus dem Leben, indem sie Selbstmord begehen.

Der Roman ist dabei sehr vielschichtig, prall gefüllt mit Geschichten, die meist voller Leid sind und die zeigen, wie sehr es ihre Protagonisten zerreißt. Was macht es mit einem Menschen, wenn man ihm seine größten Wünsche, wie hier das Studium am Konservatorium, das Leben für die und mit der Musik, schlichtweg verweigert? Sperling fügt sich in sein Schicksal, Tschaikowsky, Prokofjew und vor allem immer wieder Bach hört er heimlich zu Hause. Seine Tante und sein Onkel haben einen anderen Weg als er gewählt und flohen aus China ohne zu wissen, ob sie jemals wieder zurückkehren würden. Sie hören auf so märchenhaft klingende Namen wie Wirbelwind und Wen, der Träumer, die wie im Gegensatz zu stehen scheinen zu der harten Realität, der sie sich ausgesetzt sehen.

„Sag nicht, wir hätten gar nichts“ ist ein Roman über viele Jahre chinesische Geschichte, bei dem man einiges lernen kann. Es ist ein Roman über Musik und über den Versuch des Staates, sein Volk um jeden Preis zu beherrschen und kleinzuhalten. Über die verschiedenen Arten, auf solch einen Staat zu reagieren. Thien schreibt detailliert und oft bildhaft, manchmal fast ausufernd. Einerseits kann sie wohl nur so ihrem Mammutprojekt gerecht werden und all den Figuren den Raum geben, den die Autorin benötigt, um ihre Geschichte zu erzählen, um ihren Protagonisten gerecht zu werden. Andererseits hat der Roman aufgrund des Detailreichtums leider etliche Längen. Ich habe ungewöhnlich lange für die Lektüre von Thiens Roman benötigt, weil ihre Geschichte für meinen Geschmack zu oft abbiegt, Geschehnisse auswalzt, beharrt, wo man lieber hätte straffen sollen.

All jenen, die dies nicht abschreckt, und die Lust haben, sich mit einem Familienroman über chinesische Geschichte zu beschäftigen und die quantitative wie qualitative Fülle des Buches nicht abschreckt, sei „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ empfohlen. Auf Literaturreich findet sich eine sehr ausführliche Rezension zum Roman, die genauer auf Hintergründe eingeht.

Madeleine Thien: Sag nicht, wir hätten gar nichts, Luchterhand Verlag, 2017, 656 Seiten, 24 Euro

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