Schwebende Melancholie – Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Der Hanser Verlag macht mir in diesem Bücherfrühling bisher große Freude. Nach den beiden sehr starken Romanen von Norbert Gstrein und Margriet de Moor habe ich nun Anja Kampmanns Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ gelesen und auch dieses Buch hat mich überzeugt.

Kampmanns Protagonist ist ein einsamer Held. Waclaw, manchmal auch Wenzel genannt, hat viele Jahre auf verschiedenen Ölplattformen gearbeitet. In den letzten Jahren war immer Mátyás dabei, sein einziger Freund, und wohl mehr als das. Doch Mátyás ist eines Tages plötzlich verschwunden, bei einem Unfall umgekommen. Seine Leiche wird nicht gefunden, allerdings sucht man auch nicht wirklich nach ihr. Niemanden außer Waclaw scheint ernsthaft zu interessieren, was passiert ist, die Betreiber der Plattform am wenigsten. Hier scheint man eher darauf zu vertrauen, dass schnell Gras über die Sache wächst, zumal ähnliche Vorfälle immer wieder passieren.

Waclaw macht sich auf eine Reise, zunächst nach Ungarn, um der Familie des Freundes dessen Sachen zu übergeben. Er trifft auf Mátyás’ Halbschwester, verbringt etwas Zeit bei ihr, bevor es ihn weiter treibt. Doch wo soll er hin? Auf die nächste Plattform?  So weitermachen wie bisher? Oder ist es vielleicht doch an der Zeit, etwas zu ändern, vielleicht sogar neu anzufangen? Aber wie sollte das gehen? Waclaw weiß es nicht. Der Leser weiß es ebenso wenig. Wir reisen mit ihm durch Europa, mit einem, der nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt ist, einem, der es gewöhnt ist, dass er – von Mátyás abgesehen – keine engeren Bindungen mehr hat, keine Freundschaften pflegt. Einem Verlorenen, den es immer getrieben hat, fort, in die Welt, bis er irgendwann bemerkt hat, dass sich die Welt immer auch ohne ihn weiterdreht, überall dort, wo er gerade nicht ist.

Zurückgelassen hat er vor vielen Jahren seine große Liebe Milena. Die Beziehung zerbrach an der großen Entfernung, vielleicht auch an Waclaws Verhalten ihr gegenüber, doch vergessen hat er sie nie. Es scheint, dass sie oder seine Vorstellung von ihr immer bei ihm war. Inzwischen ist Milena oder die Idee von ihr für Waclaw wie ein Traum.

Das Bemerkenswerte an Kampmanns Debüt ist ganz eindeutig ihre leuchtende, poetische Sprache, voller Rhythmus, überbordend an Bildern und Metaphern, ausschmückend und dann doch wieder sehr knapp. Es ist die Sprache, die für die schwebende Atmosphäre sorgt, die über ihrer Geschichte liegt, für das Gefühl beim Lesen, eigentlich nie wirklich greifen zu können, was man da gerade liest. Waclaw ist ruhelos, während der Roman Ruhe ausstrahlt.

„Aber alles zog vorbei, es waren die Namen fremder Städte, die er in Münzsprecher gesagt hatte, aber das Einzige, was sie jetzt verband, war das Gefühl von Wärme in seinem Rücken, war die gleichmäßige Bewegung der Bauchdecke, die sich unter seiner Hand hob und senkte. Auch dieses Ungarn würde vorbeigehen, er hatte zu viele Orte gesehen in den letzten zwölf Jahren, und nur zu Beginn hatte diese Ferne ihn noch erleichtert.“ S. 116

Auch wenn die Autorin es dem Leser vielleicht nicht immer ganz leicht macht – zuweilen verliert sich ihr Held für meinen Geschmack ein wenig zu sehr – ist „Wie hoch die Wasser steigen“ ein großartiges Buch. Immer dann, wenn Erinnerungen Waclaws an Konkretes in den Hintergrund geraten, wollte die Geschichte nicht mehr ganz so fließen. Andererseits kreide ich diese Kritik letztlich mir selbst an, war ich an diesen Stellen vielleicht einfach nicht aufmerksam genug. Ich halte Kampmanns Roman für überaus gelungen.

Die Autorin hat bisher mit Lyrik auf sich aufmerksam gemacht – das merkt man dem Roman an. In ihm sitzt jedes Wort an der richtigen Stelle. Ihre Geschichte ist voller Melancholie, aber nicht ohne Hoffnung. Wirft Fragen auf, ohne sie zu stellen. Ein großartiger Roman. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat sie zwar nicht gewonnen, aber sicher wird es noch andere Gelegenheiten geben.

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen, Hanser Verlag, 2018, 352 Seiten, 23 Euro

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