Ursache und Wirkung – Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen

Jeden Tag, öfter noch nachts, fährt Rinus zum Flughafen Schiphol, und verscheucht Vögel. Sein Arbeitgeber ist „Bird Control“: Er passt darauf auf, dass der Flugverkehr störungsfrei laufen kann, dass sich die Vögel nicht in die Triebwerke der Flugzeuge verirren. Sie faszinieren ihn. Wenn er frühmorgens nach Hause kommt und sich im Bett an seine Frau schmiegt, erzählt er ihr davon, was in seiner Schicht passiert ist. Und Marie Lina, von Rinus nur zärtlich Lineke genannt, hört zu und fragt nach. Sie teilt seine Liebe zu den Vögeln.

Doch trägt Marie Lina eine alte Wut in sich, so stark, dass sie nicht gegen sie ankommt. Als Rinus seine zukünftige Frau der Familie vorstellte, wusste jeder bereits, wer sie ist, weil ihre Geschichte eine bekannte ist: Ihre Mutter ist Louise Bergmann und damit die Frau, die einst einen alten Mann umgebracht haben soll. Die die Tat gestanden, das Geständnis dann widerrufen hat und trotzdem für den Mord verurteilt worden war. Marie Lina will Rache für das Unrecht, das man ihrer Mutter angetan hat. In der nach außen ruhigen und liebevollen Ehefrau Rinus’ und der Mutter Oliviers brodelt es schon lange.

Margriet de Moor erzählt in ihrem neuen Roman „Von Vögeln und Menschen“ von Marie Lina und Rinus, von Rinus’ Familie, von der Tat, die schon viele Jahre zurückliegt und davon, wie all diese Figuren miteinander verbunden sind. Sie erzählt von Ursache und Wirkung, davon, wie und warum ein Unrecht geschieht und was dieses Unrecht – auch lange Zeit später – nach sich ziehen kann. Wie ein Augenblick ausreicht, um alles zu verändern, eine einzige Entscheidung, um ein anderes Leben zu schaffen neben dem, das eigentlich vorgesehen war.

Schicht für Schicht legt die Autorin ihre Geschichte frei, widmet sich in leisem, behutsamem Ton ihren einzelnen Protagonisten und begleitet sie so ein Stück ihres Weges. Ihr Stil ist dabei manchmal fast karg und knapp, kein Wort ist zu viel. Zuweilen wechselt sie plötzlich die Perspektive, geht auf Abstand, was dem Ganzen eine ungeheure Dynamik verleiht. Einige Kapitel werden zudem gänzlich aus der Ich-Perspektive erzählt. Durchsetzt ist der Roman mit sehr lyrischen, poetischen Stellen, die umso mehr wirken, als die Autorin sie sehr dosiert einzusetzen weiß.

„Der Beginn einer Wut, ein Keim, den sie in sich tragen wird, wo auch immer sie sich befindet, hat sich geregt. Noch schüchtern, in aller Unschuld. Aber er beißt bereits, sanft wie ein junges Kätzchen in ihr Herz.“ S. 65

Sehr schön ist zu lesen, wie die Menschen in de Moors Roman zusammenhalten und ihren Zusammenhalt nicht in Frage stellen. Wie sie das Wissen, dass sie sich lieben, leben. Nicht nur trifft das auf Rinus und Lina zu, die sich auch noch einem Jahrzehnt noch lieben und miteinander glücklich sind (wie oft liest man von problembelasteten, zerrütteten Ehen), sondern auch auf die Herkunftsfamilie Rinus’, die in de Moors Roman eine große Rolle spielt.

„Von Vögeln und Menschen“ ist einerseits die Geschichte einer Rache und einer, oder je nach Betrachtungsweise, zweier Gewalttaten. De Moors Roman ist dabei geschickt konzipiert, die Art und Weise, wie sie die Schauplätze wechselt, so souverän, dass man sich vollends mitreißen lassen kann, in dem Wissen, dass sich am Ende alles ineinanderfügen wird. Nichts hat hier keinen Sinn. Wunderbar, wie sich die Vögel als Motiv durch die Geschichte ziehen. Margriet de Moor hat einen sehr lesenswerten Roman über eine Handvoll Menschen und ihre Leben geschrieben und somit über das Leben an sich. Ein wunderbarer, sehr kraftvoller Roman, der mich berührt und beeindruckt hat.

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen, Hanser Verlag, 2018, 272 Seiten, 23 Euro

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4 Antworten zu Ursache und Wirkung – Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen

  1. marinabuettner schreibt:

    Bei Margriet de Moor kann man sich eigentlich sicher sein, dass jeder Roman gelungen ist …
    Viele Grüße!

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  2. schifferw schreibt:

    Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    Diese Empfehlung gebe ich gerne weiter! Margriet de Moor ist eine große Schriftstellerin!

    Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: Schwebende Melancholie – Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen | letteratura

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