Verirrung in Israel – Nicole Krauss: Waldes Dunkel

Jules Epstein, in seinen späten 60ern, verlässt sein gewohntes Umfeld und somit auch seine langjährige Ehe und macht sich auf den Weg nach Israel. Bald verschwindet er für seine Angehörigen von der Bildfläche, sein Handy kommt ihm abhanden, so dass er nicht mehr erreichbar ist. Eigentlich möchte er sein Geld in eine Stiftung investieren, doch gerät er an einen etwas seltsamen Rabbi, der ihn zu einem Ausflug in die Wüste überredet und seine Pläne damit durchkreuzt.

Die Autorin Nicole reist ebenfalls nach Israel, lässt ihre beiden Söhne und den Ehemann, mit dem es schon seit längerer Zeit schwierig ist, zurück. Im Hotel Hilton möchte sie eine Schreibblockade überwinden. Auch sie hat eine unvorhergesehene Begegnung: Ein emeritierter Professor möchte sie dazu bringen, ein Drama Kafkas zu beenden. Nicole wird bald mit einer abstrus wirkenden Verschwörungstheorie über das Schicksal Kafkas konfrontiert und verliert wie Epstein den eigentlichen Grund ihrer Reise aus den Augen.

„Waldes Dunkel“ lautet der Titel des neuen Romans der amerikanischen Autorin Nicole Krauss, dessen Titel sich auf Dante Alighieris Commedia bezieht (wie sie ursprünglich hieß, ohne Divina), genauer gesagt auf die ersten drei Verse, in denen es heißt

Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura,
ché la diritta via era smarrita.“

„Ich fand auf unseres Lebensweges Mitte
in eines Waldes Dunkel mich verschlagen,

weil sich vom rechten Pfad verirrt die Schritte.“

Verirrt haben sich die beiden Protagonisten in Krauss’ Roman tatsächlich, verwirrt könnte man sie ebenfalls nennen, und der Leser begleitet sie abwechselnd auf ihren Streifzügen durch Israel. Es ist ein sehr jüdischer Roman, der vom Lebensgefühl, von der Geschichte und Mentalität der Israelis erzählt. Und von denen, die zwar jüdische Wurzeln haben, aber einen säkularen Lebenstil pflegen. Meiner Empfindung nach erzählt er von etwas, das nicht immer greifbar scheint und das ich beim Lesen nicht immer durchdringen konnte. Krauss schreibt auf hohem Niveau, manchmal allerdings auch so „verkopft“, dass es mir schwer fiel, ihr zu folgen und am Ball zu bleiben, gerade bei Themen, die für mich neu zu entdecken waren. Einige Male habe ich mich mit leichtem Unwillen gefragt, warum sie einen Sachverhalt nicht verständlicher ausdrückt. Nicht platt und vereinfacht, aber ohne den Eindruck zu erwecken, ihre Intellektualität zeigen zu wollen. Dass sie eine kluge Autorin ist, steht ohnehin außer Frage.

Das allein hätte mir „Waldes Dunkel“ allerdings nicht verleidet, und leider bin ich nach Beendung der Lektüre etwas enttäuscht von diesem Roman. Die Autorin baut zu Beginn der Geschichte Konflikte und Konstellationen auf, denen man als Leser erwartet, im Laufe des Romans zu folgen, doch verlieren sie sich teilweise und verlaufen im Sande. Das Irren und Verirren ihrer Protagonisten führt dazu, dass auch ich als Leserin irgendwann das Gefühl hatte, mich nicht mehr in diesem Kosmos zurechtzufinden. Ob sich die Stränge um Epstein und Nicole dabei irgendwann treffen oder nicht, ist generell zweitrangig. Es ist der große Bogen, der rote Faden, der sich irgendwann schlicht verliert, so dass der Roman am Ende meiner Meinung nach einfach nicht rund ist und in viele kleine Teile zerfällt.

Krauss’ Protagonisten bleiben mir zu blass, was vielleicht daran liegt, dass sie so sehr hinter dem, was ihnen passiert, zurücktreten. Ein bisschen Spielball zu sein scheinen, vielleicht auch aktiver sein könnten. Dabei verarbeitet sie interessanten Stoff, das Rätsel um Kafka etwa, das der Roman aufwirft. Diese Teile sind durchaus spannend und in bestem Sinne fordernd für den Leser. Dennoch habe ich mich vor allem bei fortschreitender Lektüre immer wieder gefragt, was ich da eigentlich lese. Was Krauss mir erzählen möchte, was eigentlich ihre Geschichte ist. Dabei habe ich ihren Roman nicht einmal ungern gelesen, da es der Autorin gut gelingt, Atmosphären zu schaffen und auch Spannung aufbaut. Weil ich trotz aller Kritik sowohl mit Epstein, als auch mit Nicole mitgefiebert habe – dieser Schriftstellerin, deren biographische Ausgangssituation einige Gemeinsamkeiten mit der ihrer Autorin aufweist, warum auch immer diese sich dazu entschieden hat. Letztlich bin ich aber ein wenig ratlos, da „Waldes Dunkel“ leider nicht recht bei mir zünden konnte.

Nicole Krauss: Waldes Dunkel, Rowohlt Verlag, 2018, 384 Seiten, 24 Euro

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3 Antworten zu Verirrung in Israel – Nicole Krauss: Waldes Dunkel

  1. dj7o9 schreibt:

    Ich gehe nächste Woche zu einer Lesung von ihr und wollte danach entscheiden, ob ich diesen Roman lesen möchte. Nach deiner Rezension bin ich etwas skeptisch ;)

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  2. Pingback: Nicole Krauss | WALDES DUNKEL – Bookster HRO

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