Die Fremde – Christoph Poschenrieder: Kind ohne Namen

Dass Christoph Poschenrieder seine Heldin in seinem jüngsten Roman Xenia genannt hat, ist sicher kein Zufall. Sie selbst erläutert im Laufe der Geschichte die Bedeutung ihres Namens: Xenia bedeutet sowohl „die Fremde“, als auch „die Gastfreundliche“. Beides trifft auf die junge Frau zu, die gerade in das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, zurückgekehrt ist. Sie war in der „großen Stadt“, hinter der sich, obwohl nicht näher betitelt, offenbar München verbirgt, um dort zu studieren. Dort blieb sie außen vor und fand keine Freunde. Doch sie hatte eine eher oberflächliche Beziehung und wurde schwanger. Nun ist sie zurück im Dorf, auch hier fremd und misstrauisch beäugt von den Einheimischen, die sich fragen, warum sie wieder da ist. Gastfreundlich ist Xenia dann den Flüchtlingen gegenüber, die ins Dorf ziehen sollen und den meisten Bewohnern höchst unerwünscht sind.

Alles in „Kind ohne Namen“ fällt und steht mit dieser Xenia, die nicht nur die Hauptfigur, sondern auch Erzählerin der Geschichte ist. Mit ihr hat der Autor eine pfiffige und wortgewandte Protagonistin geschaffen, die die Dinge oft kurz und knapp beim Namen nennt, dabei mit Ironie nicht spart. Xenia, die einerseits ein Kind des namenlos bleibenden Dorfs ist, andererseits aber über den Tellerrand hinausblickt, dadurch erneut zur Einzelgängerin wird, was sie andererseits aber immer schon gewesen ist. Eine trotz ihres noch jungen Alters bereits lebenskluge Frau, die mehr von der Welt versteht, als die meisten Dorfbewohner.

Auch Xenias Mutter will die Flüchtlinge willkommen heißen, hilft und organisiert – nicht immer scheint dies von den Neuankömmlingen auch geschätzt zu werden. Xenia hingegen freundet sich mit dem jungen Ahmed an. Was sie genau in ihm sieht, scheint sie selbst nicht genau zu wissen. Sind Gefühle im Spiel oder wünscht sie sich das nur? Glaubt sie wirklich daran, mit ihm eine Zukunft haben zu können?

Dann gibt es da noch Xenias Bruder, mit dem sie nichts zu tun haben will, da er sich einer Gruppe von Nazis angeschlossen hat – obwohl sich zeigt, dass Blut manchmal eben doch dicker als Wasser ist. Und der heimliche „Chef“ des Dorfs, nur der Burgherr genannt, ein undurchsichtiger Typ, vor dem jeder im Dorf Respekt hat. Xenias Verhältnis zu ihm ist ambivalent. All diese Charaktere zeichnet Poschenrieder außerordentlich vielschichtig, eine einfache Einteilung in Gut und Böse findet nicht statt. Auch Xenia selbst bildet da keine Ausnahme.

Poschenrieders Roman beruht lose auf der Novelle „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf aus dem Jahr 1843, allerdings habe ich erst während der Lektüre davon erfahren, als ich nach anderen Meinungen zu „Kind ohne Namen“ suchte. Eine Novelle, die grob gesagt christlich-humanistische Vorstellungen von Gut und Böse thematisiert und in der einmal mehr der Teufel auftaucht und für eine Gegenleistung seine Hilfe anbietet. Dieses Wissen ist nicht nötig, um Poschenrieders Roman zu lesen, zu verstehen und vor allem zu genießen, erklärt aber ein Stück weit, wieso die Geschichte so aus der Zeit gefallen zu sein scheint – auch wenn es ein guter Kniff war, die Handlung in das letzte Funkloch Deutschlands zu legen, an einen Ort, an dem die Uhren ganz einfach noch um einiges langsamer ticken. Auch die Handlung geht einige obskure Wege, wenn ebenjener Packt, den der Teufel bei Gotthelf anbietet, in die Jetztzeit verlegt wird und man sich immer wieder fragt, wie dieser Konflikt am Ende wohl gelöst werden soll. Hier wird alles ein wenig surreal.

„Kind ohne Namen“ ist ein Roman, der auf gekonnte Weise seine Themen verknüpft: Geht es einerseits mit der ins Dorf kommenden Flüchtlingsgruppe um die Angst vor dem Fremden, darum, was diese so anderen Menschen mitbringen in die verschlossene Dorfgemeinschaft, so konzentriert sich die Geschichte andererseits sehr auf seine Heldin und ist an der Stelle eine gelungene Coming-of-Age-Geschichte. Xenia sucht ihren Platz, und das ist nicht nur geographisch gemeint.

„Kind ohne Namen“ ist ein kluger, auf hohem Niveau unterhaltender Roman, der mir auch sprachlich sehr gefallen hat. Poschenrieder braucht nur wenige Sätze, um Charaktere und eine Atmosphäre zu schaffen. Sein Stil ist von einer großen Leichtigkeit, obwohl die Geschichte ihre düsteren Seiten hat. Dies war mein erster Roman von Christoph Poschenrieder, aber ganz sicher nicht mein letzter.

Christoph Poschenrieder: Kind ohne Namen, Diogenes Verlag, 2017, 288 Seiten, 22 Euro

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6 Antworten zu Die Fremde – Christoph Poschenrieder: Kind ohne Namen

  1. Bri schreibt:

    Liebe Ines, ja bei Poschenrieder muss man immer ein wenig dran bleiben, der macht es einem nicht leicht – ich meine jetzt auf den Hintergrund und Bezug zur Schwarzen Spinne hin – außer in der Sprache. Ich mag den Roman auch sehr, muss aber auch erst noch die rechen Worte finden ;) Und Du MUSST unbedingt das Sandkorn von ihm lesen. Für mich sein absolut bester Roman bisher, danach die Mauersegler. Bin ja ein Poschenrieder-Fan-Girl. LG und einen schönen Sonntag!!, Bri

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    • letteratura schreibt:

      Ich fand da gar nichts schwer ;) und wie gesagt, ich finde, dass man den Hintergrund gar nicht unbedingt braucht. Ich werde seine weiteren Romane bestimmt noch lesen, wenn ich die Zeit finde… bzw. sie mir nehme, darauf läuft es wohl eher hinaus. Dir auch einen schönen Sonntag und viele Grüße!

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      • Bri schreibt:

        Sprachlich ist der Roman ja wirklcih sie geschnitten Brot zu lesen, doch da ich andere von ihm bereits kenne, suchte ich noch irgendwie nach etwas, aber das war wohl eher mein Fehler – mir ist nur aufgefallen, dass er so ein bisschen in der Versenkung geblieben ist und das finde ich schade, da Poschenrieder unglaublich gut und klug schreibt. LG

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      • letteratura schreibt:

        Ich mag ja sehr, wenn Autoren leicht schreiben und dennoch auf Niveau und mit Ironie. Irgendwie sitzt da jedes Wort und es steckt so viel drin, das ist schon sehr gut gemacht. Einen Vergleich habe ich ja noch nicht, daher bin ich da ganz unbedarft rangegangen.

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      • Bri schreibt:

        Ja, er kann das sehr gut und wie gesagt, sehr elegant und klug und wie Du sagst, da sitzt jedes Wort … Lies das Sandkonr, das ist noch dazu ganz großartig konzipiert. LG

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  2. thursdaynext schreibt:

    Lies den Mauersegler zuerst, er ist herrlich unterhaltsam und doch ernst.

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