Auf den Spuren des Terrorismus – Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

Im Mai 1996 explodiert auf einem Marktplatz in Delhi eine Bombe. Es ist eine „kleine Bombe“, die nur wenige Opfer fordert. Eine Art Bombe also, an die man sich in gewissen Teilen der Welt im Laufe der Jahre gewöhnt hat, die nur kurz aufhorchen lässt. Nichts vom Ausmaß eines 11. September. Doch kleine Bomben, so lesen wir in Karan Mahajans Roman „In Gesellschaft kleiner Bomben“, haben auf die Opfer eine besondere Wirkung: Sie fühlen sich allein gelassen, schnell wieder vergessen. Sie befinden sich in einem kleinen Kreis von Opfern, sie scheinen noch zufälliger dazu geworden zu sein, als die Opfer größerer Anschläge.

„In Gesellschaft kleiner Bomben“ widmet sich allen, die in irgendeiner Form mit der Bombe zu tun haben und somit auch den Attentätern. Zunächst einmal aber den Opfern: Deepa und Vikas Khurana haben ihre beiden elf- und dreizehnjährigen Söhne zum Markt geschickt, um dort einen Fernseher abzuholen. Sie sind Hindus. Der zwölfjährige muslimische Freund der beiden Jungs, Mansoor, begleitet sie. Mansoor überlebt die Explosion schwer verletzt, während die Khurana-Brüder sofort tot sind. Ihre Eltern versuchen, die Tragödie irgendwie zu meistern, gehen zunächst auf Distanz zueinander, um sich dann wieder anzunähern. Doch ihre Ehe steht auf wackligen Füßen. Schon vor der Tragödie hatte es Probleme zwischen den beiden gegeben.

Mansoors Eltern erleben schlimme Stunden, in denen sie nicht wissen, ob ihr Sohn noch lebt, Stunden, in denen sie für das Schicksal der Khuranas, mit denen sie in freundschaftlichem Kontakt sind, keinen Kopf haben. Bei allem Mitgefühl sind sie doch froh, deren Los nicht teilen zu müssen. Doch Mansoor, so wird im Laufe der Zeit deutlich werden, hat die Explosion gezeichnet, physisch und psychisch. Noch Jahre später hat er mit den Spätfolgen zu kämpfen. Er hat starke Schmerzen und große Ängste, das Haus zu verlassen. Ein Aufenthalt in den USA, wo er studieren und Karriere machen soll, wird zu einer nur kurzen Stippvisite. Zurück in Indien gerät er in einen Kreis von politischen Aktivisten, und irgendwann beginnen die Grenzen zwischen Opfer- und Täterschaft zu verschwimmen.

Karan Mahajan beobachtet seine Protagonisten – sowohl die direkten Opfer der Explosion, deren Angehörige und Nahestehende, als auch die Täterseite mit der gleichen stets etwas sachlich wirkenden Distanz. Er bewertet nicht, sondern lässt all seine Figuren für sich selbst sprechen. Auf eindringliche Weise zeigt der Autor, was es auf der einen Seite heißt, Opfer zu werden in einem Konflikt, mit dem man eigentlich nichts direkt zu tun hat, andererseits aber auch, was in den Köpfen der Täter vorgehen mag und dass sie, auch wenn das schwer verständlich ist, auch Menschen sind, und dabei den Opfern nicht mal komplett unähnlich. Sie sind dabei immer in der Überzeugung, für eine gute Sache zu handeln – legen sich auf zynische Weise diese Betrachtungsweise zurecht, legitimieren vor anderen und vor allem immer vor sich selbst das Legen kleiner Bomben. Mahajan erklärt in einem Interview, das hier (ganz unten) auf der Verlagsseite zu sehen ist, wie wichtig es ihm war, zu verdeutlichen, dass die Bombenleger wissen, was sie tun, dass sie nicht gedrängt oder gezwungen werden, dass es keine Legitimierung ihrer Taten gibt. Sie sollen keine Sympathieträger sein.

Immer wieder kommen in Mahajans Roman dann auch die Konflikte zum Vorschein, die Indien schon seit langem beschäftigen: Das belastete Verhältnis zwischen Hindus und Muslimen etwa, und der Kaschmirkonflikt, auf den die Attentäter aufmerksam machen wollten.

Die vergleichsweise „kleine Bombe“ wirkt noch Jahre nach, verändert das gesamte Leben derer, die von ihr betroffen sind, auf die eine oder andere Weise. Der Autor vermittelt dies sehr eindringlich. Sein oft zurückgenommene Stil, der andererseits mit überraschenden Bildern aufwartet, mag gewöhnungsbedürftig sein, lenkt die Aufmerksamkeit aber umso mehr auf die Figuren und ihr Erleben.

Mahajans Roman ist ein aufschlussreicher Beitrag zu der so schwer zu beantwortenden Frage, warum Menschen zu Terroristen werden. Er erhielt einige wichtige Literaturpreise und macht neugierig auf mehr aus der Feder des Autors. Ich danke dem Blog crimealley, der mich auf diesen Roman aufmerksam gemacht hat, der mich einmal mehr in eins meiner liebsten Literaturländer Indien geführt hat.

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben, CultureBooks, 2017, 376 Seiten, 25 Euro

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