Was Richard sucht – Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre

Richard und Natascha sind seit langem verheiratet. Er forscht über Gletscher, sie ist Schriftstellerin. Sie haben eine gemeinsame Tochter, Fanny, die Richard sehr liebt, auch wenn er nicht immer weiß, wie er mit ihr umgehen soll. Die Familie lebt ein wohl ziemlich normal zu nennendes Leben in Hamburg, bis sie vor allem auf Nataschas Initiative hin beschließen, in ihrem Sommerhaus etwas außerhalb eine syrische Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Richard will damit möglichst wenig zu tun haben. Zu Beginn der Geschichte hält er sich in Kanada auf, wo sein alter Freund Tim ihm immer wieder die Frage stellt, ob er nicht endlich dorthin auswandern wolle. Richard würde das vielleicht tatsächlich in Erwägung ziehen, weiß aber auch, dass Natascha die Idee für ein Hirngespinst hält. Er reist schließlich zurück nach Hamburg, wo er mit Idea, einer mexikanischen Kollegin, mit der er ebenfalls in Kanada zusammengetroffen war, regen Emailkontakt hält. Idea kommentiert seine Situation, seine Ehe und die Aufnahme der Flüchtlingsfamilie, über die sogar das Fernsehen berichtet, stets scharfzüngig und ironisch.

Richard sieht sich nun gezwungen, auf die Situation am See irgendwie zu reagieren. Die Familie ist dort offenbar nicht willkommen und es wird viel geredet. Es gibt sogar Gerüchte, dass Herr Farhi dem syrischen Regime um Assad nahegestanden haben könnte. Immer wieder kommen vermummte Jugendliche zum Haus und verängstigen die beiden Söhne der Familie. Richards Frau Natascha wird zu ihrer Fürsprecherin, unter anderem veranstaltet sie eine Lesung mit Herrn Farhi, die etwas unglücklich verläuft. Richard bleibt insgesamt eher Zuschauer, greift nur widerwillig ein, wenn seine Frau ihn dazu drängt. Die Ehe der beiden leidet unter der grundsätzlich verschiedenen Sichtweise auf die Geschehnisse und der unterschiedlichen Vorstellung, wie damit umzugehen ist.

Norbert Gstreins neuer Roman „Die kommenden Jahre“ verknüpft mit Leichtigkeit viele Themen. Dabei geht es nur zum Teil um die syrischen Flüchtlinge und ihren Stand in dem kleinen Ort, um den Umgang der Einheimischen mit ihnen, um Angst und Misstrauen. Vielmehr noch zeigt der österreichische Autor auf, wie sein Protagonist Richard fast mehr in die Situation herein gerät als dass er sie selbst herbeigeführt hätte und eine Lösung sucht. Wie nebenbei gibt Gstrein ein komplexes Bild einerseits der in die Jahre gekommenen Ehe Richards und Nataschas ab. Andererseits befindet Richard sich in einer Art Midlife Crisis, irgendwo in seinen Fünfzigern und vor die Frage gestellt, ob er noch einmal etwas grundlegend ändern soll – falls er denn den Mut dazu aufbringt. Und der Autor bewerkstelligt das so, dass es nicht anstrengend wird, denn selbstmitleidige mittelalte Männer in Romanen können schon auch mal nerven.

Richard selbst erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive und so wird deutlich, dass er viel weniger passiv ist, als er erscheinen mag, dass er ein exzellenter Beobachter seiner Umwelt ist, auch derer, die ihm nahe stehen und ebenso seiner selbst. Gstrein lässt ihn kluge Gedanken denken und auch seine zwischenzeitlichen Exkurse, etwa, wenn er sich an frühere Zeiten erinnert, ufern nie aus, sondern bereichern stets das, was in der Jetztzeit geschieht.

Der Autor bedient sich in seinem Roman einer recht auffälligen Symbolik: Richard beschäftigt sich als Glaziologe mit Eis, Schnee und Gletschern und damit mit etwas Starrem, Feststehendem und also mit etwas, das sich teilweise seit Jahrhunderten nicht verändert hat. Seine Frau Natascha hingegen betrachtet als Romanschriftstellerin die Lebenden und das Hier und Jetzt.

Der zweite Teil des Buches ist zudem mit Canaan überschrieben und bezieht sich somit auf das biblische Gelobte Land. Ein Ortsname, der sich vor allem in den Vereinigten Staaten großer Beliebtheit erfreut: Wikipedia nennt allein zwanzig Orte dieses Namens in den USA. Richard durchfährt in einer Episode des Romans einen davon. Canaan wird romanübergreifend zu dem, was Richard sucht – was immer das genau ist.

Gstrein vermengt all dies, Themen, Stilmittel, die eigentliche Handlung und mit ihr die Figuren, die in ihr agieren, mit ungeheurer Leichtigkeit und manchmal schon fast spielerisch und launig in seine sehr kluge und kurzweilig zu lesende Geschichte. Auch mit der Form spielt er und somit letztlich mit den Erwartungen der Leser. Seine Sprache ist dabei stets elegant und doch unbeschwert, seine Sätze sind zwar oft verschachtelt, doch nie zerfasern sie. „Die kommenden Jahre“ ist für mich bereits jetzt ein Anwärter auf die Longlist des Deutsches Buchpreises und wird sich nach heutigem Stand sicher am Ende des Jahres auf meiner Top-Liste 2018 wiederfinden.

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre, Hanser Verlag, 2018, 288 Seiten, 22 Euro

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