Kühner werden – Deborah Levy: Heiße Milch

„Meine Liebe zu meiner Mutter ist wie eine Axt. Sie schlägt sehr tief.“ S. 137

Sofia hat Anthropologie studiert, doch statt ihre Dissertation zu beenden, arbeitet sie in einem Café in London, wenn sie sich nicht gerade um ihre kranke Mutter Rose kümmert. Die beiden reisen nach Spanien, wo sich Rose in die Behandlung des berühmten Dr. Gómez begeben soll. Sie kann nicht mehr laufen und der Arzt ist ihre letzte Chance: Ihm eilt ein ausgezeichneter Ruf voraus, allerdings lässt er sich seine Arbeit auch etwas kosten. Rose und Sofia haben lange für diese Reise gespart. Die beiden waren lange nur zu zweit, Sofias griechischer Vater hat die Familie vor langer Zeit verlassen und inzwischen in Athen eine neue Familie gegründet – mit einer Frau, die kaum älter ist als seine Tochter. In Spanien wird Sofia teils gedrängt, teils ergibt es sich von ganz allein, dass sie eigene Wege geht, während ihre Mutter ihre Untersuchungen hat, und dass sie den Studenten Juan sowie die junge Deutsche Ingrid kennenlernt. Mit der Zeit wird immer klarer, dass Sofia etwas ändern muss in ihrem Leben.

Deborah Levy beschreibt in ihrem gelungenen Roman „Heiße Milch“ die enge Beziehung zwischen den beiden Frauen und den so nötigen, leisen Abnabelungsprozess ihrer Ich-Erzählerin Sofia, die ihr eigenes Leben, ihre Wünsche und Ziele neben der ständigen Aufopferung für die kranke Mutter immer hinten angestellt hat. Schnell wird Sofias Unsicherheit deutlich – sicher fühlt sie sich nur, wenn es um das Befinden ihrer Mutter, ihre Medikation, ihre Krankengeschichte geht. Doch Dr. Gómez macht schnell klar, dass er Sofia nicht braucht und schickt sie fort.

Seine Behandlungsmethoden muten zunächst etwas seltsam an. Er setzt auf Roses Vertrauen, das diese ihm nur schwerlich geben kann, zumal, da sie nun auf sich gestellt ist, was für sie ganz neu ist. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihr und Sofia besteht in beide Richtungen, und obwohl sie sich dessen bewusst sind, scheuen sie sich, sich voneinander zu lösen.

Vor allem geht es aber um Sofia. Sofia, die feststeckt. Die seit Monaten nicht an ihrer Dissertation gearbeitet hat, die sich freikämpfen muss, der aber der Mut fehlt. Immer wieder lesen wir davon, dass sie kühner werden möchte. Ingrid ist in der Hinsicht so etwas wie ein Vorbild. Sofia selbst sagt, sie sei von ihr besessen. Lange versucht sie, Ingrid zu durchschauen und ebenso bleibt das Verhältnis zwischen beiden unklar. Dabei weiß Sofia durch ihr Studium, wie man Feldstudien betreibt, wie man andere beobachtet, doch bei ihr selbst versagt dieser Sinn auf der ganzen Linie. Sofia ist orientierungslos, und das in jedem Lebensbereich, so scheint es.

In Levys Roman ist die Hitze Spaniens stets zu spüren, die Medusenbisse, die sich Sofia im Meer zuzieht, scheinen beim Lesen zu schmerzen, die Sonne auf der Haut zu brennen. „Heiße Milch“ ist ein hochatmosphärischer und lyrischer Roman, teilweise sehr klar und unumwunden, teilweise aber auch voller Metaphern, die man als Leser entschlüsseln muss. Lässt man sich in die schwebende Stimmung, die über dem Roman liegt, fallen, so kann diese leise Geschichte komplett gefangen nehmen.

So ist „Heiße Milch“ ein Roman über ein Freistrampeln, über eine längst überfällige Abnabelung von der Mutter – die beiden Angst macht. Deutlich wird auch, dass man manchmal einen Schritt zurückgehen muss, um genauer sehen zu können, um das ganze Bild in sich aufnehmen zu können. Deborah Levys Roman um die Emanzipation einer jungen Frau stand 2016 auf der Short List des Man Booker Prize.

Deborah Levy: Heiße Milch, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2018, 288 Seiten, 20 Euro

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8 Antworten zu Kühner werden – Deborah Levy: Heiße Milch

  1. dj7o9 schreibt:

    Das Buch ist mir die Tage auch gerade ins Haus geschneit, klingt ganz vielversprechend was du schreibst…

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  2. thursdaynext schreibt:

    Oh die Vostellung südlicher Hitze, Meeresbrise und mediterranen Düften …wie schön! auf die Medusenbisserfahrung ist da gerne verzichtet :) Klingt sehr schön, packend.

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