Italienische Beobachtungen von Leben und Tod – Esther Kinsky: Hain – Geländeroman

Ein Hain, so heißt es bei Wikipedia denkbar knapp, ist ein kleiner Wald (Wäldchen) oder ein Gehölz. Mit „Hain“ ist auch Esther Kinskys „Geländeroman“ überschrieben, wobei ihr Thema sich auf weit mehr erstreckt als auf das besagte Wäldchen. Vielmehr schickt Kinsky ihre namenlose Ich-Erzählerin auf eine Reise nach Italien, wo sie vor allem eines tut: Alles um sie herum still beobachten.

M. ist tot. Seinen vollen Namen erfahren wir nicht, doch mit ihm hat die Erzählerin ihr Leben verbracht, ihr Mann, Freund, Lebensgefährte, Liebhaber. Woran er starb? Ob es ein schneller, ein langsamer Tod war? All dies erfährt der Leser nicht. Nur ab und zu lesen wir davon, welche Orte sie mit ihm besucht hat, wann sie durch etwas an ihn erinnert wird.

Es sind keine großen Städte, keine typischen touristischen Ziele, die die Erzählerin sich ausgesucht hat für ihre Reise. Stattdessen sind es kleine Orte, Olevano und Comacchio, von denen man kaum je gehört hat. Sicher kein Zufall, denn ihr ist nicht nach Trubel und Gesellschaft, stattdessen kapselt sie sich ab und beobachtet Mensch und Tier aus sicherer Entfernung. Durch den gesamten Roman zieht sich dabei das Thema Tod: Etwa, wenn sie immer wieder das gleiche Grab auf dem örtlichen Friedhof besucht, versucht, herauszufinden, wer die Frau war, die dort begraben liegt, ohne dass es einen offenkundigen Grund gäbe, warum es sie genau zu diesem Grab hinzieht. Oder wenn sie immer wieder über die Toten und die Lebenden nachdenkt, die vii und die morti, von denen sie, so berichtet sie, einst in rumänischen Kirchen gelesen hat.

„Hain“ ist in drei große Kapitel eingeteilt. Das mittlere unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass die Erzählerin in ihm eine andere Reise unternimmt, nämlich eine in ihre eigene Vergangenheit und Kindheit. Die Nähe zu Italien, der Drang, dorthin zurückzukehren, sie bekam ihn von ihrem Vater mit auf den Weg, der die Familie immer wieder zu Urlauben nach Italien mitnahm. Er, der im Gegensatz zur Mutter (die eine sehr viel geringere Rolle in den Erinnerungen spielt) italienisch sprach. Dieses mittlere Kapitel grenzt sich von den anderen dadurch ab, dass es deutlich greifbarer ist, dass hier handfeste Episoden geschildert werden, ja, dass man hier handelt, während in den beiden anderen Kapiteln die Erzählerin sehr passiv aufritt.

Esther Kinskys Roman erzählt in erster Linie von dem Versuch einer Trauerbewältigung – auch wenn die Erzählerin dies nicht ausformuliert. Sie kapselt sich ab und sucht die Einsamkeit, sie wandelt auf den Spuren Ms und ihres schon länger verstorbenen Vaters. Sie findet passende Worte für all das, was sie beobachtet, die Menschen und ihren Alltag, die ganz alltäglichen Begebenheiten, deren Zeugin sie wird. Sie ist eine feine Beobachterin und beschreibt präzise, anschaulich und oft sehr ausführlich all das Leben um sie herum – ist allerdings niemals wirklich in das Geschehen involviert. Leider ermüden mich diese Beschreibungen nach einiger Zeit, es fällt mir schwer, den Ausführungen der Erzählerin über längere Zeit zu folgen. Sie bleibt zu isoliert, um mich auf Dauer zu fesseln, die Handlung zu karg, um dabei zu bleiben. Sicher ist „Hain“ plausibel als Ausdruck von Trauer konzipiert, und in der Hinsicht gewiss nicht misslungen, zerfällt mir letztlich aber zu sehr auseinander und ist mir zu wenig zusammenhängend. Das war es aber wohl auch nicht, was die Autorin wollte, und so hoffe ich einfach, dass andere mit ihrem Buch glücklicher werden als ich. Die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse ist es ganz offenbar und hat den Roman gerade auf die Liste der Nominierten gesetzt.

Esther Kinsky: Hain – Geländeroman, Suhrkamp Verlag, 2018, 287 Seiten, 24 Euro

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5 Antworten zu Italienische Beobachtungen von Leben und Tod – Esther Kinsky: Hain – Geländeroman

  1. Bri schreibt:

    Super, danke. Kann ich also getrost nicht lesen 😉 oder eben irgendwann mal … aber nicht jetzt dringend. LG, Bri

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Es wird ja wahrscheinlich schon wegen der Nominierung bald mehr Stimmen geben. Ich bin wie immer, wenn ich Probleme mit einem Buch hatte, umso neugieriger, ob es anderen ähnlich oder ganz anders damit geht. Also: Vielleicht bleibe ich ja die Ausnahme 😉

      Gefällt 2 Personen

  2. marinabuettner schreibt:

    Ich freu mich schon auf Hain. Nach der Leseprobe war ich gerade von ihrer Art der Beschreibungen begeistert. Das Lesen fühlte sich an wie eine Meditation. Und vielleicht bleibt der Abstand auch absichtlich, damit der Tod nicht zu nahe kommt. Ich bin sehr gespannt, wie das komplette Buch dann auf mich wirkt.
    Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

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