Entscheidung mit Folgen – J. Courtney Sullivan: All die Jahre

Die Zutaten für J. Courtney Sullivans neuen Roman „All die Jahre“ sind den Lesern und Leserinnen schon durch viele ähnliche Plots bekannt: Eine Familie, bestehend aus mehreren Generationen und mit nicht ganz unkomplizierten Beziehungen untereinander, kommt zusammen, nachdem einer aus ihrer Mitte gestorben ist. Es gibt ein altes Familiengeheimnis, das bei dieser Gelegenheit ans Tageslicht kommt und alles in neuem Licht erscheinen lässt. Man trifft sich und trauert, alte Probleme werden zu neuen, aber irgendwie schafft man es, aus der Situation etwas zu machen, vielleicht sogar an ihr zu wachsen, und am Ende haben alle Protagonisten etwas gelernt.

So weit, so wenig neu. Sullivan bedient sich dieser altbekannten Zutaten, auch, als ihre Familie eine irische Einwandererfamilie in Boston ist, mit einer sehr religiösen Mutter und Kindern, die dem, was sie sich gewünscht hatte, nur bedingt entsprechen. Nora, inzwischen alt und verwitwet, kam als sehr junge Frau nach Amerika, wo ihr Verlobter Charlie schon auf sie wartete. Und sie hatte ihre jüngere Schwester Theresa dabei, ein hübsches, aufgeschlossenes junges Mädchen, das in Boston eine Ausbildung machen sollte. Theresa verliebte sich allerdings bei einer Tanzveranstaltung in einen jungen Mann und wurde bald von ihm schwanger – doch Walter stand nicht zu seiner Verantwortung. Letztlich ging Theresa ins Kloster (noch so eine typische Geschichtenzutat). Sie und Nora hatten noch einige Jahre Kontakt, bis es zum Zerwürfnis kam. Erst 2009, als Noras ältester Sohn Patrick bei einem Unfall stirbt, kommen beide wieder zusammen.

J. Courtney Sullivan hat schon mit ihrem Besteller „Sommer in Maine“ einen Roman geschrieben, der abwechselnd in der Vergangenheit und der Gegenwart spielte, auch dort war die Hauptfigur eine alte, verwitwete, etwas schwierige Frau, auch sie sehr gläubig wie Nora hier. Der Familienroman scheint das bevorzugte Genre der noch jungen Autorin zu sein, die sich allerdings sehr gut in ihre recht unterschiedlichen Protagonisten und Protagonistinnen einfühlen kann.

Denn obwohl Sullivans Plot so wenig innovativ erscheint, man nach wenigen Seiten bereits um das Familiengeheimnis weiß oder es zumindest erahnt, und auch sonst viele Geschehnisse schlicht und einfach nicht besonders überraschend sind, ist „All die Jahre“ kein schlechtes Buch. Vielmehr versteht es die Autorin, ihre Charaktere in kürzester Zeit zum Leben zu erwecken, sodass man sofort intuitiv begreift, was für eine Person man gerade vor sich hat. Der Roman ist vor allem deshalb sehr kurzweilig und lebendig. Auch die wechselnden Perspektiven tragen dazu bei. So treten nicht nur abwechselnd Nora, Theresa, sowie Noras drei verbleibende Kinder John, Bridget und Brian in den Vordergrund – alle natürlich längst erwachsen und mit ganz verschiedenen Lebensentwürfen – auch zeitlich bewegen wir uns einerseits aus der Vergangenheit langsam auf den heutigen Punkt in der Gegenwart zu, die andererseits ebenfalls thematisiert wird: Vom Moment, in dem Nora vom Tod Patricks erfährt, bis hin zu Begräbnis und Leichenschmaus.

Folgt all dem hier nun eine Empfehlung oder nicht? Mit „All die Jahre“ trägt die deutsche Übersetzung (Original: „Saints for all occasions“) wie so oft einen nicht besonders aussagekräftigen Titel und ist damit nichtssagender, als es der Roman selbst ist. Er ist äußerst schnell lesbar, was einerseits daran liegt, dass er auf gutem Niveau, auch ohne sprachliche Schnitzer, unterhält und auch immer eine gewisse Spannung da ist, die Frage betreffend, wie die beiden Schwestern denn nun wieder aufeinandertreffen werden. Andererseits scheint die Geschichte aber auch ein wenig glatt, gibt es kaum Stellen, an denen man hängen bleibt, nachdenklich wird. Wie schon „Sommer in Maine“ ist „All die Jahre“ ein handwerklich gutes Buch, in das man sich hineinfallen lassen kann und ohne große Blessuren wieder auftauchen wird. Ob einem das Buch aber im Gedächtnis bleibt, bleibt abzuwarten. Ob dies ein notwendiges Kriterium für jede einzelne Lektüre ist, vielleicht aber auch.

J. Courtney Sullivan: All die Jahre, Deuticke Verlag, 2018, 464 Seiten, 22 Euro

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Entscheidung mit Folgen – J. Courtney Sullivan: All die Jahre

  1. thursdaynext schreibt:

    Scheint, Sullivan versteht sich auf Wohlfühllektüre mit Niveau. Sommer in Maine mochte ich sehr. Ich werde es im Gedächtnis behalten. Immer gut sowas zum richtigen Zeitpunkt im geistigen SuB zu haben. Danke dir.

    Gefällt 1 Person

  2. Constanze Matthes schreibt:

    Ich sollte wohl „Sommer in Maine“ endlich mal aus dem Regal nehmen, um den Roman zu lesen. Danke für die Erinnerung an die Autorin und den Hinweis auf ihr aktuelles Buch. Ich mag Familienromane sehr. Viele Grüße

    Gefällt mir

  3. Pingback: All die Jahre – the lost art of keeping secrets

  4. Pingback: All die Probleme | Frau Lehmann liest

  5. Pingback: *Rezension* J. Courtney Sullivan: All die Jahre | super.lese.helden

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s