Der Versuch, normal zu leben – John Burnside: Wie alle anderen

„Wie alle anderen“ will er sein, und keineswegs wie sein alkoholkranker Vater. John Burnside hat diesem vor einigen Jahren in seinem Buch „Lügen über meinen Vater“ ein Denkmal gesetzt und erzählt hier nun von seinen eigenen Versuchen, ein normales Leben zu führen. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, was „normal“ eigentlich bedeutet und ob es überhaupt erstrebenswert ist, normal zu sein. Burnside versucht es immer wieder, um irgendwann zu bemerken, dass für ihn ein Leben wie das der anderen nicht das Beste ist.

„Wie alle anderen“ ist die literarische Aufarbeitung dieses Versuchs. Burnside erzählt von einigen Jahren, in denen er verschiedene Jobs annahm, Frauen kennenlernte und Beziehungen führte oder Affären hatte. Wie er versuchte, nicht mehr zu trinken, schlussendlich aber doch täglich zur Flasche griff. Vor allem sind es Begegnungen mit anderen Menschen, die im Mittelpunkt stehen, zum Beispiel mit dem Kollegen, der ihm einen absurden, aber ernstgemeinten Vorschlag macht als er ihn überreden will, ein Verbrechen zu begehen. Da ist ein junges Mädchen im Teenageralter, mit dem er sich immer wieder trifft, bis ihm bewusst wird, dass jegliche Beziehung zu ihr, wie auch immer sie aussieht, unangebracht und letztlich unmöglich ist. Er beschreibt den kurzen Kontakt zu einer Kollegin, die vor allem deshalb bleibenden Eindruck bei ihm hinterlässt, weil sie völlig unerwartet stirbt. Generell verliebt er sich schnell und lässt sich ebenso schnell auf Frauen ein, von Dauer sind diese Episoden selten. Es sind im Leben nicht unbedingt die Menschen, die einen besonders lange begleiten auf seinem Lebensweg, manchmal sind es stattdessen sehr kurze, aber dafür intensive Begegnungen, die einen nicht mehr loslassen und an die man immer wieder zurückdenkt.

Zwischen diese Episoden streut Burnside Kindheitserinnerungen und reflektiert zu bestimmten Themen, zum Beispiel zum Fliegen. Immer wieder kommt er auf Spirituelles zu sprechen, darauf muss man sich als Leser einlassen können und wollen. „Wie alle anderen“ lebt vor allem von der Souveränität des Autors, mit der er seine Geschichte erzählt, und von der einfachen, aber starken Sprache. Von der Gelassenheit, mit der er sich die Zeit und den Platz nimmt, die er benötigt, um seine Gedanken deutlich zu machen. Von der Überzeugung, etwas zu erzählen zu haben.

„Wie alle anderen“ ist ein starkes, nachdenkliches Buch über die Frage, wie man leben möchte und leben kann, über Normen und Vorgaben, die uns gemacht werden, über Erwartungen anderer an uns und unsere eigenen Maßstäbe, denen wir gerecht werden wollen. Über Normalsein und Verrücktheit. Ein Buch, das mit der Zeit einen starken Sog entwickelt von einem Autor, der sein Metier beherrscht.

John Burnside: Wie alle anderen, Knaus Verlag, 2016, 320 Seiten, 19,99 Euro

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