Beklemmendes Szenario – Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

Ihren neuen Roman siedelt die US-amerikanische Autorin Lionel Shriver im Jahr 2029 an. Das Land ist verschuldet, der Dollar kollabiert und wird kurzerhand gegen eine Ersatzwährung ersetzt. Wer Gold besitzt, muss es abgeben. Trinkwasser ist knapp, die Preise steigen ins Unermessliche. Viele werden obdachlos, es wird geklaut und geplündert, bald macht man nicht mehr davor halt, Gewalt anzuwenden, auch gegen Menschen, denen man früher nie etwas zuleide getan hätte. Die Polizei kapituliert schon bald vor der Gewalt und Kriminalität. Was all dies mit den Menschen macht, das zeigt Shriver an der Familie Mandible, die sie bis ca. zur Mitte des Jahrhunderts begleitet.

Florence lebt mit ihrem zu Beginn des Romans 13-jährigen Sohn Willing und ihrem mexikanischstämmigen Freund Esteban zusammen. Sie arbeitet in einem Obdachlosenheim, ist daran gewöhnt, sparsam zu leben und hauszuhalten, doch ist sie auch diejenige, die im Gegensatz zu ihrer Schwester Avery nicht ihr zu Hause verliert. Avery ist mit dem Wirtschaftswissenschaftler Lowell verheiratet, sie haben drei Kinder im Teenageralter. Ihren großzügigen Lebensstil müssen sie in der Krise schnell zurückfahren und Florence um Asyl bitten, da sie ihr Haus bald nicht mehr halten können. Auch die ältere Tante Nollie, eine etwas schrullige Schriftstellerin, die die letzten Jahre in Europa verbracht hat, zieht mit ein, und dann ist da noch Untermieter Kurt, den Florence nicht übers Herz bringt, auf die Straße zu setzen. Außerdem gehören noch Florences und Averys Eltern und die hochbetagten Großeltern zur Familie, die ihre eigenen Wege suchen, mit der neuen Situation umzugehen.

Lionel Shriver entwirft in „Eine amerikanische Familie“ ein fein ausgearbeitetes Szenario, in das sie ihre Figuren versetzt, und stellt es so realistisch dar, dass es beim Lesen immer wieder Beklemmung auslöst. Vieles von dem, was den Mandibles passiert, ist nicht weit weg von unserer heutigen Realität, sodass es nicht besonders weit hergeholt erscheint. Das spürt man während der Lektüre in jedem Augenblick. Shriver geht bei der Darstellung die Ursachen betreffend in die Tiefe, und lässt ihre Figuren, allen voran den jungen, gewieften und pragmatischen Willing und seinen Onkel, den Inflationsexperten, der ironischerweise genau jetzt seinen Job verliert, profunde Gespräche zur wirtschaftlichen Lage des Landes führen – wobei Lowell ziemlich genervt ist von seinem Neffen, der die Stirn hat, ihm, dem Profi, einfach so zu widersprechen.

Shriver schreibt im gesamten Roman sehr lebendige Dialoge, die stets zur differenzierten Charakterisierung all ihrer Figuren beitragen. Und wie das so ist in einer Familie, unterscheiden sich die einzelnen Mitglieder zum Teil sehr voneinander und haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie mit der Situation umzugehen ist, konkret etwa damit, in einem zu kleinen Haus miteinander auskommen zu müssen, wo kaum die Möglichkeit besteht, sich ein wenig Privatsphäre zu erhalten. Spannungen und Streit sind hier vorprogrammiert.

Es sind vor allem die Kleinigkeiten, die das Bild dieses sehr gelungenen Romans abrunden. Smartphone, Smartwatch, Tablet und Laptop wurden durch ein neues Gerät namens fleX ersetzt. Zeitungen und Bücher gibt es nicht mehr, man holt sich seine Informationen online, ist sich aber bewusst, dass das Meiste dort keiner genaueren Überprüfung standhalten würde. Die Kinder gehen selbstverständlich auf die Obama High und auch eine Chelsea-Clinton-Präsidentschaft findet Erwähnung – die aber auch gegen Mitte des Jahrhunderts schon wieder in der Vergangenheit liegt. Einzig Donald Trump findet keine Erwähnung: Shrivers Roman erschien in den USA vor Beginn seiner Präsidentschaft.

Shriver ist also nicht nur dort eine gute Autorin, wo sie das Zwischenmenschliche beobachtet, wie sie das schon in ihren früheren Romanen so souverän getan hat. Auch hier konzentriert sich sehr auf die Familie, wobei Florences Sohn Willing sich mehr und mehr als eigentliche Hauptfigur herauskristallisiert. An ihm zeigt Shriver eindringlich auf, wie die Veränderungen im Land auf die Menschen wirken, und sie lässt ihn immer dann zur Hochform auflaufen, wenn sie ihm einen (fast?) ebenbürtigen „Gegenspieler“ gibt.

„Eine amerikanische Familie“ ist ein durchaus fordernder und dennoch auf hohem Niveau unterhaltender Roman, der ein beängstigendes, aber realistisches Szenario entwirft. Eine Geschichte, die das, was wir für selbstverständlich erachten, in Zweifel zieht. Und die trotzdem nicht ohne Hoffnung ist. Ein absolut lesenswerter Roman. Auf Zeichen und Zeiten sowie auf Sätze und Schätze gibt es weitere, sehr lesenswerte Besprechungen.

Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie, Piper Verlag, 2018, 496 Seiten, 24 Euro

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2 Antworten zu Beklemmendes Szenario – Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

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